Kreative Köpfe in kreativen Klassenzimmern

Text: Laura Scheidegger; Bilder: Melanie Duchene (md-photographie.ch); JenkoAtaman, AnnaStills (stock.adobe.com)

Kreativität ist eine zentrale überfachliche Kompetenz, die in der heutigen Zeit zunehmend an Bedeutung gewinnt. Sie hilft, Herausforderungen zu meistern und unsere Zeit mit innovativen und neuen Perspektiven zu bereichern – sei es im Klassenzimmer oder in der Gesellschaft. Doch was bedeutet Kreativität? Und warum ist Kreativität überhaupt wichtig? Gibt es in der Schule Kreativität, die über das bildnerische und technische Gestalten hinausgeht, und wie kann diese gefördert werden?

Kreativität ist etwas Wichtiges. Dieser – sehr vereinfachten – Aussage stimmen heutzutage wohl die meisten spontan zu. In den letzten Jahrzehnten hat der Begriff an Bedeutung gewonnen. 

Diese Entwicklung macht auch vor der Schule nicht halt. So wurden im Rahmen der PISA-Studie 2022 erstmals international vergleichbare Daten zum kreativen Denken von 15-Jährigen aus insgesamt 64 Nationen erhoben. Die Lernenden wurden darin bewertet, ob sie zu verschiedenen Aufgabenstellungen sowohl vielfältige wie auch originelle Ideen entwickeln können. Die Ergebnisse zeigen nicht nur grosse länderspezifische Unterschiede, sondern auch den Einfluss des schulischen Kontextes: Kreativere Lernende gaben an, dass ihre Lehrpersonen Kreativität wertschätzen, originelle Antworten fördern und ihnen Raum für eigene Ideen geben. Schulleitungen wie auch Lehrpersonen und Lernende erachten Kreativität grundsätzlich als eine wichtige, in der Schule zu fördernde Kompetenz. Jedoch bleibt für viele Beteiligte unklar, wie Kreativität im schulischen Umfeld konkret gefördert werden kann.

Nicht zuletzt ist dies darauf zurückzuführen, dass Kreativität ein komplexer Begriff ist. Um zu verstehen, welche Rolle sie in der Schule einnehmen kann, lohnt es sich, genauer zu betrachten, was Kreativität ist und warum sie eine zunehmend wichtige Kompetenz für uns alle darstellt.

Kreativität hat viele Gesichter

Kreativität verbinden wir oft mit künstlerischem und musischem Schaffen. Einer Person, die gut zeichnen kann, schreiben wir Kreativität zu. Eine ausgefallene Bastelarbeit eines Kindes nennen wir kreativ. Dabei umfasst der Begriff der Kreativität weit mehr. «In der pädagogisch-psychologischen Forschung gehen wir davon aus, dass es sich bei Kreativität um eine Fähigkeit handelt, die über verschiedene Situationen und Disziplinen hinausgeht. Sie ist eine jedem Menschen innewohnende Eigenschaft und kreative Leistungen sind grundsätzlich in jedem Alter und in den verschiedensten Bereichen möglich. Kreativität kann also als eine überfachliche Kompetenz gesehen werden», erklärt Wida Wemmer-Rogh, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich. «Die Definition von Kreativität wird in der Forschung jedoch kontrovers diskutiert. Trotz der steigenden Popularität des Begriffs gibt es noch immer keine einschlägig anerkannte Definition.» Ein Minimalkonsens besteht darin, dass Kreativität die Fähigkeit bezeichnet, etwas Neues und Nützliches zu schaffen. Diese Standarddefinition des Begriffs wird in der heutigen Zeit durch die Verbreitung von künstlicher Intelligenz allerdings herausgefordert. Die Diskussion zusätzlicher, kennzeichnender Merkmale wie Authentizität, Ausgefallenheit und Intentionalität gewinnt in dieser Hinsicht zunehmend an Bedeutung, wenn konkret die menschliche Kreativität im Fokus steht. «Grundsätzlich ist Kreativität die Art und Weise, wie wir mit einer Problemstellung umgehen und aus der Kombination von Altem und Neuem etwas uns vorher Unbekanntes schaffen», präzisiert Wida Wemmer-Rogh. Kreative Ideen zu entwickeln, erfordert die Fähigkeit, flexibel zu denken. Solche Ideen weichen üblicherweise von bekannten Mustern ab. Kreativität beginnt also oft dort, wo Gewohnheit aufhört. Solange alles normal und wie gewohnt funktioniert, brauchen wir nicht zwingend kreative Zugänge für die Erarbeitung neuer Ideen.

Doch Kreativität ist nicht gleich Kreativität. Es lassen sich verschiedene Arten der Kreativität unter­scheiden. Entsprechend gibt es auch verschiedene Modelle, um Kreativität zu beschreiben. Manche Modelle gehen davon aus, dass sich Kreativität aus verschiedenen Komponenten zusammensetzt und so­wohl personale Merkmale wie Offenheit und Risiko­bereitschaft, kognitive Merkmale wie divergentes Denken und motivationale Merkmale wie die Bereitschaft, sich auf neue Lösungen einzulassen, umfasst. In Ergänzung zu solchen Komponentenmodellen gibt es Modelle, die die Idee aufgreifen, dass es graduelle Abstufungen von Kreativität gibt, also zwischen kleinen (Little-C) und grossen (Big-C) kreativen Leistungen unterschieden werden kann. Ein Modell dieser Art, das grosse Beliebtheit erfahren hat, ist das sogenannte Four-C-Modell. Dieses teilt Kreativität in vier Cs (für «Creativity») ein:

Dieses Modell ist auch im Schulkontext relevant, da es Entwicklungspotenziale in der individuellen Kreativität illustriert. In der Schule spielt insbesondere das Mini-C eine wichtige Rolle: Kreative Ideen oder Produkte müssen nicht bahnbrechend sein und keine soziale Akzeptanz im entsprechenden Feld erreichen. Es reicht aus, wenn die Lernenden innerhalb einer bestimmten Lernsituation etwas Kreatives für sich schaffen, das sie durch entsprechendes Feedback ausbauen können.

Kreativität hat eine persönliche und gesellschaftliche Wichtigkeit

Neue und nützliche Ideen entwickeln zu können, ist eine wichtige Fähigkeit – für uns als Einzelpersonen wie auch kollektiv als Gesellschaft. 

Die Wirtschaft wünscht sich Arbeitnehmende, die mit Problemen umgehen und passende, innovative Lösungen finden ­können. Bei entsprechenden Befragungen von ­Unternehmen ist Kreativität fast immer unter den Top Ten der ­gewünschten Eigenschaften. 

«Kreativität sollte aber nicht nur aufgrund der Qualifikation für den Arbeitsmarkt gefördert werden. Bildung sollte den Menschen auch in seiner ­gesamten Persönlichkeit fördern und ihm ermög­lichen, die Welt selbstständig mitzugestalten. In diesem Sinne ist Kreativität ein zentraler Bestandteil einer ganzheitlichen Bildung», erklärt Miriam Compagnoni, Oberassistentin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich. Kreativität ermöglicht es, Probleme aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und neue Wege zu gehen, was sie zu einer essenziellen Fähigkeit in einer sich ständig verändernden Welt macht. «Die Forschung zu Kreativität und kreativem Denken zeigt auch, dass kreative Menschen bessere Leistungen erbringen und zu­friedener sind. Sie haben zum Beispiel oft bessere ­sozio-emotionale Kompetenzen», ergänzt ­Miriam Compagnoni.

Neben dieser Bedeutsamkeit für die Einzelperson hat Kreativität auch eine gesellschaftliche Relevanz – nicht zuletzt mit Blick auf unterschiedliche Zukunftsszenarien. Denn eine zentrale Komponente von Kreativität ist insbesondere in einer unsicheren und neuartigen Zukunft entscheidend: die Art und Weise, wie wir mit Herausforderungen umgehen. Kreativität hilft uns, in schwierigen Situa­tionen mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen verschiedene mögliche Lösungs­wege zu finden. «Eine kreative Person neigt eher dazu, in Herausforderungen und Problemen nicht eine Be­drohung zu sehen, sondern eine Chance zum Erarbeiten von neuen Lösungen», ergänzt Wida Wemmer-Rogh. 

Mit Blick auf das aktuelle Weltgeschehen ist es also nicht erstaunlich, dass Kreativität als Kompetenz in den letzten Jahren auf gesellschaftlicher Ebene an Bedeutung gewonnen hat. Als Gesellschaft müssen wir uns mit viel­seitigen Herausforderungen auseinander­setzen, sei dies der Klimawandel, die ­Digitalisierung oder soziale Ungerechtigkeit. Für diese komplexen, teils neu­artigen Probleme reichen unser vor­handenes Wissen sowie bestehende Strategien und Routinen meist nicht aus, um passende Lösungen zu finden. «Wir brauchen kreative Denkweisen, um aufbauend auf bestehendes Wissen neue Denkrichtungen einnehmen zu können und verschiedene Perspektiven zu neuen Lösungen mit nachhaltigem Potenzial verbinden zu können», erklärt Wida Wemmer-Rogh.

Wida Wemmer-Rogh (l.) und Miriam Compagnoni betrachten die unterschiedlichen, kreativen Ergebnisse eines Auftrages zum Vervollständigen von geometrischen Formen.

Kreativität in der Schule

Wie lernen wir, kreativ zu sein und unser kreatives Potenzial zu nutzen? Wenn Kreativität eine wichtige und gewünschte Eigenschaft ist, sollte sie dann auch in der Schule gezielt gefördert werden? «Eine Funktion der Schule ist, die Lernenden auf das spätere Leben und auf die Berufswelt vorzubereiten», argumentiert Miriam Compagnoni. «Ein Urproblem der Pädagogik ist, dass wir heute Lernende für morgen ausbilden. Wir wissen jedoch nicht, was die Zukunft bringt, und welche Kompetenzen die Kinder dann brauchen.» Da Kreativität gerade in einer unsicheren, herausfordernden Zukunft eine zentrale Rolle spielt, ist es nicht abwegig, die aktive Förderung von Kreativität als Teil des Bildungsauftrages der Schule anzusehen. «Kreativität ist keine Qualität, die manche Personen ­haben und andere nicht. Jeder Mensch hat ein kreatives Potenzial. Dieses Potenzial ist förderbar. Es braucht Lehrpersonen, die sich dieser herausfordernden Aufgabe stellen, die Kreativität in der Schule und im Unterricht zu fördern», betont Miriam Compagnoni.

Kreativität sollte sich aber nicht als ein eigenständiges Fach in der Schule etablieren. Da sich Kreativität über verschiedene Disziplinen erstreckt, sollte sie als eine überfachliche Kompetenz gefördert werden. «Der Lehrplan 21 listet als überfachliche Kompetenzen die personalen, die sozialen und die methodischen Kompetenzen auf, jedoch keine kreativen Kompetenzen – diese findet man nur in den entwicklungsorientierten Zugängen der ersten Schuljahre», gibt Miriam Compagnoni zu bedenken. Unter den methodischen Kompetenzen ist aber das Erkennen von Herausforderungen und Entwerfen von kreativen Lösungen aufgelistet. Die Schweiz ist keine Ausnahme. «Dass die Kreativität in vielen Nationen keine explizit ausgeschriebene Kompetenz ist, hängt wahrscheinlich mit ihrer Komplexität zusammen», vermutet Wida Wemmer-Rogh und ergänzt: «Wir haben in der Gesellschaft die Erwartung, dass Kreativität gefördert werden sollte, und man findet in manchen Lehrplänen des deutschsprachigen Raums auch konkrete Verweise auf die Kreativitätsförderung. Ein impliziter wie auch expliziter Bildungsauftrag ist in dieser Hinsicht also gegeben. Aber wie dieser Bildungsauftrag gewährleistet werden kann, ist in der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen noch zu wenig thematisiert, sodass das Thema Kreativität in der Schule oft ein Schatten­dasein fristet.» 

Kreativität und das 4-K-Modell 

Das 4-K-Modell rückt vier Kompetenzen in den Fokus: Kreativität, Kollaboration, kritisches Denken und Kommunikation. Auch bekannt unter dem Namen der «21st Century Skills» werden diese Kompetenzen in der heutigen Zeit immer zentraler, da das 21. Jahrhundert geprägt ist von einer Vielzahl globaler sowie regionaler Herausforderungen. Faktoren wie Unbeständigkeit, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit prägen die aktuelle Zeit, deren Bewältigung bedingt die Förderung entsprechender Kompetenzen. Die 4 Ks werden in dieser Hinsicht in ihren Möglichkeiten breit diskutiert.

In unserer Reihe zum 4-K-Modell beleuchten wir in jeder Ausgabe eine der vier Kompetenzen. In der nächsten Ausgabe lesen Sie mehr zum Thema «kritisches Denken». 

Herausforderungen der Kreativitätsförderung

Doch warum hat die Kreativität im ­schulischen Kontext oft einen schweren Stand? Bei der Förderung von Kreati­vität in der Schule ergeben sich ver­schiedene Herausforderungen. 

So stellt sich bei Lehrpersonen oft die Frage, wie sie diese Kompetenz im sonst schon dichtgedrängten Lehrplan unterbringen sollen. Auch die PISA-Sonder­erhebung identifiziert einen vollen Lehrplan als eine der Hauptherausforderungen bei der Förderung von kreativem Denken. Nur wenige Nationen geben Lehrpersonen klare Hilfestellungen, wie sie die kreative Kompetenz ihrer Lernenden in den einzelnen Fächern fördern können. Obwohl die Schweiz an der Sondererhebung nicht teilgenommen hat, lassen sich die Er­gebnisse zu einem gewissen Grad auch auf die hiesige Situation übertragen. Auch Wida Wemmer-Rogh hat ähnliche Beobachtungen gemacht: «Wenn ich in Kontakt mit Lehrpersonen bin, stelle ich fest, dass für sie oft andere Themen dringlicher sind. Ob sie sich mit kreativer Kompetenz auseinandersetzen können, hängt von der Schule, der jeweiligen Klasse sowie den bestehenden Rahmenbedingungen ab.» Miriam Compagnoni bestätigt aus ihren Erfahrungen als ­Studiengangsleiterin der Pädagogischen Hochschule Zürich, dass bei der Unterrichtsplanung und -durchführung angehender Lehrpersonen die Förderung von Kreativität bisher kaum ein Thema war. Um dieser Herausforderung zu begegnen, wird die Kreativität nun in ersten Studiengängen als explizit zu berücksichtigende Kompetenz aufgegriffen. 

Darüber hinaus bestehen bereits Erkenntnisse dazu, wie die Kreativität in der Schule konkret gefördert werden kann. «Wir haben viele Anhaltspunkte, welche Lernumgebungen und Lernzugänge krea­tives Denken fördern. Wir sehen aber, dass es Zeit und Raum braucht, um kreativitätsfördernd zu unterrichten», sagt Wida Wemmer-Rogh. Denn wenn zuerst mehrere mögliche Lösungen gefunden und diskutiert sowie verschiedene Perspektiven zusammengebracht und besprochen werden sollen, sprengt dies oft den Zeitrahmen einer Unterrichtsstunde. «Es ist eine strukturelle Frage, wie man entsprechend den Rahmen schafft, damit bestehende Erkenntnisse zur Kreativitätsförderung auch umgesetzt werden können.»

Doch auch wenn hinreichende Massnahmen zur Kreativitätsförderung erfolgreich in den Unterricht integriert sind, fehlt oft die Grundlage für eine Bewertung der Kreativität. Bewertungen sind jedoch eine wichtige Referenz sowohl für Lernende wie auch für die Lehrperson. «Wenn wir Kreativität als wichtige Kompetenz fördern wollen, müssen wir sie auch erfassen und bewerten ­können», erklärt Wida Wemmer-Rogh.

Jedes Kind hat das Potenzial, kreativ zu denken. Wie gut wird dieses Potenzial in der Schule gefördert?