Wida Wemmer-Rogh ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich. Ihre Forschungsschwerpunkte sind – neben der Unterrichtsqualität – Kreativität im schulischen Kontext sowie die Kreativitätsentwicklung im Kindes- und Jugendalter.
Miriam Compagnoni ist Oberassistentin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich sowie Co-Studiengangs- und Bereichsleiterin an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Ihre Arbeitsschwerpunkte umfassen die Selbstregulation, überfachliche Kompetenzen und Mindsets von Kindern, Jugendlichen und Lehrpersonen sowie die Schul- und Unterrichtsentwicklung.
Interview: Laura Scheidegger
Wenn Kreativität eine wichtige, zu fördernde Kompetenz ist, wie lässt sich dieses Bildungsanliegen konkret in der Schule umsetzen? Was brauchen Lernende, um ihr kreatives Potenzial nutzen zu können, und welche Ressourcen müssen Lehrpersonen zur Verfügung gestellt werden, damit sie ihre Lernenden möglichst effizient unterstützen können? Wida Wemmer-Rogh und Miriam Compagnoni im Interview.
Wie lässt sich Kreativität im schulischen Kontext fördern?
Miriam Compagnoni: Eine wichtige Rahmenbedingung für Kreativität ist eine positive Fehlerkultur. Die Kinder müssen Gelegenheit erhalten, unterschiedliche Dinge auszuprobieren und kreativ zu sein, ohne dass sie negative Konsequenzen befürchten müssen. Wenn alle Leistungen – sei es das Schreiben von Texten, das Lösen von Konflikten oder das Vortragen – immer gleich summativ beurteilt werden, bleiben Kinder oft bei ihren gewohnten, «sicheren» Verhaltensweisen, Neues wird nicht ausprobiert. Dies hemmt Kreativität enorm.
Wida Wemmer-Rogh: Auch das Lernklima spielt eine Rolle. Die Lehrperson kann immer wieder betonen, dass alternative Lösungen willkommen sind. Offene Aufgabenstellungen, die verschiedene Lösungen zulassen, ermöglichen kreative Momente.
Miriam Compagnoni: Die Lehrperson kann den Lernenden vermitteln, wie sie überhaupt auf verschiedene Lösungswege kommen und welche Techniken dabei hilfreich sind. Alternativ kann die Lehrperson die Kreativität indirekt über die Lernumgebung fördern.
Welche Lernumgebungen sind kreativitätsfördernd?
Miriam Compagnoni: Lernumgebungen, die herausfordernd sind und den Lernenden die Gelegenheit geben, «outside the box» zu denken. Der Kontakt mit unterschiedlichen Meinungen und Sichtweisen, das Aushalten von Gegensätzen, sich vor den Kopf gestossen fühlen und damit umgehen können, Neues erleben und neue Eindrücke erhalten – all das ist kreativitätsfördernd.
Wida Wemmer-Rogh: Kooperative Settings und produktbasiertes oder problemorientiertes Arbeiten fördern die Kreativität ebenfalls. Ich glaube, wenn solche Lernumgebungen im Schulalltag kultiviert werden, ist das eine solide Ausgangslage für die Förderung von Kreativität.
Wie lässt sich Kreativität in einem sonst schon vollen Lehrplan unterbringen?
Miriam Compagnoni: Die Planung ist essenziell. Die Lehrperson plant den Lernprozess und setzt sich Ziele. Idealerweise entscheidet sie sich dafür, auch die Kreativität zu fördern. Es ist wichtig, dass sich die Lehrperson bereits im Planungsprozess dafür entscheidet. Zu diesem Zeitpunkt sollte sie sich auch überlegen, was genau sie erreichen möchte und welche Aspekte, also Komponenten von Kreativität, sie fördern möchte. Ein Ziel kann beispielsweise sein, dass die Lernenden neue Produkte erschaffen, sich an neue Dinge heranwagen oder sich bewusst Zeit für neue Lösungen nehmen. Die Förderung von Kreativität muss nicht eine zusätzliche Aufgabe sein. Kreativität ist eine überfachliche Kompetenz, die überall einfliessen sollte. Genau wie bei der Sozialkompetenz und den anderen überfachlichen Kompetenzen. Wie eine Lehrperson bei einer Gruppenarbeit ein zusätzliches Feedback zur Kommunikationsfähigkeit gibt, kann sie auch eine Rückmeldung zur Kreativität geben.
Wie lässt sich Kreativität im Kontext der Schule messen und bewerten?
Wida Wemmer-Rogh: Es gibt mittlerweile gute Testverfahren, die eine objektive und zuverlässige Messung der kreativen Kompetenz ermöglichen. Zudem gibt es Beobachtungsverfahren, um die Kreativität in bestimmten Situationen zu bewerten. So kann man beispielsweise das kreative Klassenklima einschätzen. Konkret lässt sich das kreative Potenzial einer Arbeit zum Beispiel an der Originalität der Ideen oder der Kombination verschiedener Elemente ermitteln. Kreativität ist komplex, lässt sich aber in gut beobachtbare Komponenten zerlegen: Neugier, forschender Zugang, Perspektivenwechsel, Ausdauer, kooperatives Arbeiten. Ich denke, dass viele Lehrpersonen diese Punkte bereits erfassen, ihre Beobachtungen dann aber an anderen Stellen verorten oder zur Einschätzung anderer überfachlicher Kompetenzen nutzen.
Miriam Compagnoni: Die Lehrperson sammelt idealerweise während des ganzen Lernprozesses Spuren, die Hinweise auf die verschiedenen Komponenten von Kreativität geben. Am Schluss gibt sie dem Kind eine Rückmeldung, damit dieses Fortschritte erzielen kann. Die Möglichkeiten zur Einschätzung zu planen und die Bewertung durchzuführen, ist eine riesige Aufgabe für die Lehrperson. Daher sollte sie diese Möglichkeiten ebenfalls bereits bei der Unterrichtsplanung mitdenken. Hier kann es natürlich helfen, wenn die Lehrperson in der Aus- oder Weiterbildung verschiedene formative oder summative Einschätzungsverfahren aus der Literatur kennengelernt hat, um ihren Blick bei der Spurensuche zu schärfen.
Welchen Einfluss haben digitale Medien und KI auf die Kreativität?
Wida Wemmer-Rogh: Das Potenzial zur Förderung von Kreativität steht und fällt bei KI mit der Art und Weise, wie sie genutzt wird. Die Brainstorming-Phase kann enorm angereichert werden, wenn wir KI dazu nutzen, das Bestehende abzustecken und dann eigenständig darauf aufzubauen. Lassen wir KI aber für uns denken und Antworten generieren, ist das nicht kreativ. Für digitale Medien gelten dieselben Kriterien wie für analoge Lernmedien: Aufgaben, die immer zur selben Lösung führen und nur einen möglichen Weg dorthin offenlassen, sind nicht kreativitätsfördernd.
