Text: Melanie Gamma
Gedankenversunken streue ich meiner Tochter (10) am Zmorge-Tisch Haferflöckli in die Müeslischüssel. Sie scheint bedeutend wacher zu sein als ich und fragt: «Mama, wer hat entschieden, dass der Montag der erste Tag der Woche ist?» Fast wäre ein genervtes, müdes «keine Ahnung» über meine Lippen gehuscht. Knapp schwenke ich auf freundlich um: «Ich weiss es nicht, aber ich lese es nach und erkläre es dir am Mittag.»
Später, als ich im Outlook-Kalender einen Termin für kommenden Montag eintrage, holt mich die zum Frühstück servierte Frage ein. Ich google und lese die Entwicklung von Wochentag-Abfolgen nach. Und lerne, dass wir erst seit 50 Jahren mit dem Montag in die Woche starten und was das mit Religion und Normen zu tun hat. Um rasch eine kindgerechte Kurzversion zu texten, hilft mir ChatGPT. Seine Antwort muss ich zwar korrigieren, aber nun bin ich bereit fürs Zmittag. Denn unsere Tochter vergisst nie eine Frage.
Jenes beharrliche Warum und Wieso ist ungemein wertvoll. Ich wünsche mir, alle Kinder dürften zu offenen, selbstdenkenden Menschen heranwachsen. Zu Persönlichkeiten, die nachfragen, wenn sie etwas nicht verstehen, die kundtun, wenn sie anderer Meinung sind. Ich will, dass sie den Wert des Abklärens und Prüfens erkennen, ChatGPT und Co. nicht blind vertrauen und nicht einfach etwas behaupten.
Umso wichtiger scheint mir, dass auch wir Eltern zugeben können, wenn wir etwas nicht wissen – selbst wenn es etwas «Banales» ist. Wie das, was unsere andere Tochter (8) bewegt: «Wie macht eine Giraffe?» Um die Antwort zu finden, klicken wir uns durch Youtube-Videos, amüsieren uns über Schnauflaute, Quietsch-Töne und bäriges Brummen. Einiges tönt für uns unecht. Also lesen wir Beschreibungen von Giraffengeräuschen nach. Die gemeinsame Recherche ist eine gute Möglichkeit, aufzuzeigen: Bleibt kritisch, wenn ihr über Dinge nachforscht.
Kritisches Denken wird in der Schule trainiert, beginnt aber schon im Alltag. Manchmal bereits am Zmorge-Tisch. Wer fragt, denkt, und wer denkt, kann etwas verändern und (sich) entwickeln. Deshalb bemühe ich mich, die Fragerei nicht nur auszuhalten, sondern gar zu fördern. Damit unsere Kinder ihre Neugier nie verlernen und sowohl kritische, wie auch simple Fragen stellen. Jederzeit. Wenn es sein muss bereits um 6.25 Uhr.
