Sandro Mühlebach ist seit 25 Jahren bei Keystone-SDA tätig. Er hatte die Leitung der Sportredaktion sowie die Verantwortung für den Geschäftsbereich «Content Development» und die Stabstelle «Faktencheck» inne, bevor er am 1. April 2025 die Leitung der deutschsprachigen Redaktion übernahm und zum stellvertretenden Chefredaktor ernannt wurde.
Interview: Laura Scheidegger
In der heutigen Medienlandschaft sehen wir uns mit einer Flut an Informationen konfrontiert. Wir konsumieren Inhalte oft online und über eine Vielzahl an Plattformen. Dabei ist es alles andere als einfach, zwischen authentischen, vertrauenswürdigen Inhalten und unseriösen, falschen Meldungen zu unterscheiden. Mit der raschen Verbreitung von KI verschwimmt diese Grenze zusätzlich. Die Fähigkeit, kritisch zu denken und Inhalte und Quellen zu hinterfragen, hilft uns, Informationen auf ihre Echtheit zu überprüfen und so Fehlinformationen zu entlarven.
Wir haben uns mit Sandro Mühlebach, Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Keystone-SDA, über kritisches Denken im Umgang mit Medien und KI unterhalten.
Welche Rolle spielt kritisches Denken bei journalistischen Arbeiten?
Sandro Mühlebach: Kritisches Denken ist im Journalismus essenziell. Mit den neuen technischen Möglichkeiten wird dies zusätzlich unterstrichen. Früher gehörte das eigentliche Schreiben zu den wichtigsten Skills im Journalismus. Noch ist es nicht so weit, aber wenn die Entwicklungen anhalten, werden künftig kaum noch Journalistinnen und Journalisten ihre Texte selbst schreiben. Das wird die KI übernehmen. Umso wichtiger werden dann die anderen Skills: Einordnen, Recherchieren, Verifizieren – oder eben auch kritisches Denken.
Warum ist es wichtig, Inhalte kritisch zu hinterfragen? Was passiert, wenn wir das nicht tun?
Dann werden wir zu Transportgefässen von ungefilterten Inhalten. Es wird heutzutage, unter anderem auch dank Social Media und KI, so viel kommuniziert, dass es immer wichtiger wird, relevante Informationen von irrelevanten zu trennen. Das ist eine der Hauptaufgaben im Journalismus und nicht zuletzt für uns als Nachrichtenagentur Keystone-SDA von grösster Wichtigkeit. Mit Blick auf die technischen Entwicklungen wird es jedoch immer schwieriger, echte von unechten Inhalten zu unterscheiden. Die Fälschungen sind innerhalb kürzester Zeit unglaublich gut geworden. Ein kritischer Blick ist deshalb umso wichtiger.
Wie haben die Digitalisierung und KI die Medienlandschaft verändert?
Sie haben die Medienlandschaft im positiven wie im negativen Sinn sehr stark verändert. Dieser Prozess ist weiterhin im Gang. Einerseits bietet die Digitalisierung neue Möglichkeiten, das finde ich per se eine positive Entwicklung. Negativ sehe ich vor allem die wirtschaftlichen Probleme, die sich durch die Digitalisierung ergeben haben. Online ist der Journalismus nicht mehr in der Art refinanzierbar wie früher. Sehr viele Werbegelder fliessen zu den grossen Tech-Konzernen und nicht mehr in die hiesigen Verlage. Das gefährdet den Journalismus und auch die Demokratie. KI beschleunigt diesen Prozess. Im Moment werden publizierte Inhalte von den KI-Unternehmen einfach übernommen und weiterverbreitet – teilweise falsch und fast immer ohne Abgeltung.
Welche Medienformate sind besonders «anfällig» für Falschinformationen?
Generell betrifft dies alle Medienformate. In Texten ist es am einfachsten, zu fälschen oder zu desinformieren, das erfordert keine grosse Technik. Aber gefälschte und mit KI generierte Bilder und auch Videos sind gerade in den letzten Monaten unglaublich gut geworden. Hände mit zu wenigen oder zu vielen Fingern gibt es fast nicht mehr. Man braucht mittlerweile schon ein sehr geübtes Auge, um unechte visuelle Inhalte zu erkennen.
Social-Media-Plattformen sind sicherlich besonders anfällig. Oft weiss man nicht, wer was postet und woher die Informationen genau kommen. Und «extreme» Posts mit zweifelhaften oder falschen Inhalten werden von den Algorithmen oft überdurchschnittlich stark in den Vordergrund gestellt, weil sie Aufmerksamkeit generieren. Zuverlässig sind immer noch die etablierten Absender aus dem Medienbereich – ob man bei diesen die Inhalte auf Social Media oder auf dem eigentlichen Portal konsumiert, spielt dabei keine Rolle.
Wie können Konsumenten und Konsumentinnen von Medien Falschinformationen erkennen?
Der generell kritische Blick ist entscheidend. Die Konsumentinnen und Konsumenten müssen sich fragen, ob eine Nachricht plausibel ist und wer der Absender ist. Das ist nicht immer einfach, man muss vertrauenswürdige Medien auch erkennen können und wollen. Es ist zudem wichtig, dass wir nicht zuletzt jungen Menschen Medienkompetenz beibringen. Ich nehme da auch die Schulen in die Pflicht. Keystone-SDA engagiert sich in diesem Bereich zusammen mit den Verlagen und der SRG bei der Initiative «Use the news», die versucht, alle diesbezüglichen Angebote und Initiativen in der Schweiz zu kanalisieren und zu fördern.
Welche Gefahren oder auch Chancen sehen Sie im Einsatz von KI im Journalismus?
KI bringt viele Chancen, vermutlich erkennen wir noch gar nicht alle. Uns nimmt die KI heute schon viele repetitive, eher langweilige Arbeiten ab, hilft also unterstützend. Damit bleibt mehr Zeit, um sich den wichtigeren Aufgaben im Journalismus zu widmen. KI dient Journalistinnen und Journalisten auch als Ideenquelle oder hilft bei Transkriptionen von Interviews. Wichtig ist jedoch, dass der Mensch «das letzte Wort» hat und nichts ungeprüft übernimmt. Die Chancen können gleichzeitig zu Gefahren werden, wenn wir nicht vernünftig mit KI umgehen. Für Medien ist das Vertrauen der Konsumentinnen und Konsumenten und die Verlässlichkeit von Inhalten essenziell. Das sollte man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen durch achtlosen Umgang mit KI.
