Text: Thomas Abplanalp; Bilder: stock.adobe.com (peopleimages.com, Halfpoint, Jenko Ataman)
Das Wort «kritisch» steht achtzehn Mal im Lehrplan 21. Es begleitet Kompetenzen wie das Reflektieren und Hinterfragen von Argumenten, die Auseinandersetzung mit Wertehaltungen oder Medien, aber auch die Selbst- und Fremdeinschätzung. Und als 21st Century Skill findet das kritische Denken im 4-K-Modell des Lernens seinen Platz neben der Kreativität, Kooperation und Kommunikation. Allein schon aufgrund dieser bildungstheoretischen Präsenz bietet sich eine sorgfältige Prüfung des kritischen Denkens an.
Kritik
Kritisch betrachtet, genügt dieser Begriff als Einstieg in einen Artikel zum Thema kritisches Denken. Denn nicht wenige Personen assoziieren mit Kritik ein diffuses, eher unangenehmes Gefühl. Diese häufig negative Konnotation erinnert an Momente im eigenen Leben, in denen jemand etwas an einem bemängelt. Seien das mündliche Prüfungen oder Vorträge in der Schule, erledigte Projekte bei der Arbeit oder schlichtweg die Kleidung, für die sich jemand morgens entschieden hat. Gerade auch geäusserte Meinungen scheinen heute gerne Ziel für eine dezidierte Bemängelung zu sein. Gleichzeitig erstrahlt das kritische Denken im Bildungsbereich als Kompetenz in einer Helligkeit wie seit zweihundertfünfzig Jahren nicht mehr.
Sorgfältiges Prüfen
In seiner kurzen Schrift «Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?» definierte Immanuel Kant 1784 die Aufklärung als den «Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit». Die Unmündigkeit ihrerseits besteht Kants Ansicht nach darin, den eigenen Verstand ohne die Leitung einer anderen Person nicht gebrauchen zu können. Als Hauptursache für diese Unfähigkeit nennt er die Faulheit und Feigheit vieler Menschen.
Die schlechte Nachricht ist: Bereits ein Blick ins Digitale scheint Kants Kritik an der unaufgeklärten Lebensweise vieler Menschen zu bestätigen. Beim erstmaligen Öffnen einer App werden AGBs millionenfach gutgläubig akzeptiert, ohne sie wenigstens gelesen zu haben. Aussagen aus zweifelhaften Artikeln zwielichtiger Seiten werden unhinterfragt geglaubt. Und nicht wenigen Influencerinnen und Influencern gelingt es aufgrund ihrer vermeintlichen Authentizität, ihren Followerinnen und Followern billigste Produkte millionenfach als Qualitätsprodukte zu verkaufen.
Die gute Nachricht ist: Kritisches Denken hilft dabei, aufgeklärt zu leben. Und kritisches Denken lässt sich lernen.
Das Cambridge Dictionary definiert kritisches Denken als einen sorgfältigen Denkprozess über ein Thema oder eine Idee, ohne sich dabei von Gefühlen oder Meinungen beeinflussen zu lassen. Gemäss éducation21 als nationales Kompetenzzentrum für Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) gehört das kritisch-konstruktive Denken zu den BNE-Kompetenzen, die in der Schule zu fördern sind. Das kritisch-konstruktive Denken bezeichnet demgemäss die Kompetenz, eigenständige Ideen und Flexibilität zu entwickeln, um über den aktuellen Erfahrungs- und Wissenshorizont hinaus zu denken und (innovative) Alternativen zu erfinden. Und wie Jonas Pfister in seinem Werk «Kritisches Denken» im Jahr 2020 schreibt, meint kritisches Denken ein sorgfältiges und zielgerichtetes Überlegen. Als alternative Formulierung schlägt Pfister das kritische Denken als reflektierendes, rationales oder aufgeklärtes Denken vor.
So gesehen, besteht kritisches Denken eben nicht darin, etwas oder jemanden abschätzig zu beurteilen. Das sorgfältige Prüfen steht im Fokus.
Verstand und Gefühle
Das kritische Denken im Sinne eines sorgfältigen Prüfens ist für das Leben von Personen bedeutsam, damit sie ein selbstständiges und selbstbestimmtes Dasein führen können. Vernünftige Überzeugungen und rationale Entscheidungen verhindern nämlich, unüberlegt auf andere Personen zu hören. In der Politik lässt sich in den vergangenen Jahren häufig das Gegenteil feststellen. Einige Politikerinnen und Politiker weltweit geben auf komplexe Fragen einfache Antworten und Millionen Menschen glauben ihnen. Dabei wäre es im Sinne Kants angebracht, genau in solchen Momenten kritisch zu denken. Und auch im Privaten findet das kritische Denken seinen Platz. Gerade während des Abnabelungsprozesses von ihren Eltern hinterfragen pubertierende Jugendliche allerlei Vorstellungen, Überzeugungen und Werte.
Kritisches Denken hilft aber nicht nur dabei, Aussagen anderer Personen zu hinterfragen. Häufig beurteilen Menschen Dinge auch gefühlsmässig. Eine sorgfältige Überprüfung dieser Überzeugungen, die auf blossen Gefühlen basieren, entfaltet je nach Situation sogar eine heilsame Wirkung. Viele Menschen leiden beispielsweise unter Flugangst. Auf der Gefühlsebene lässt sich diese Angst leicht begründen. Als Passagier sitzt man zusammengepfercht in einem Metallgehäuse. Man befindet sich mehrere Kilometer über dem Boden. Und man hat keinerlei Kontrolle über das Flugzeug. Ein Blick auf die Zahlen zeigt jedoch, dass das Flugzeug eines der sichersten Fortbewegungsmittel überhaupt ist. Weit mehr Menschen sterben jährlich im Strassenverkehr. Dieses Wissen hilft unter Flugangst leidenden Personen häufig, ihre Bedenken zu verkleinern.
Eine kritische Überprüfung dieser Überlegungen sorgt wiederum für Turbulenzen. Überzeugungen und Gefühle hängen nämlich immer eng zusammen. Die kognitionspsychologische Forschung zeigt mittlerweile, dass Menschen selbst dann nicht frei von Irrationalität sind, wenn sie ihre Geisteskräfte nach bestem Wissen und Gewissen einsetzen. Unbewusste Prozesse prägen dementsprechend auch das kritische Denken. Oder wie der deutsche Philosoph Richard David Precht pointiert formuliert: Der Verstand ist die Marketing-Abteilung, die im Nachhinein die Entscheidungen des Gefühls erklärt. Anders gesagt: Unbewusste Prozesse, Emotionen und kognitive Verzerrungen beeinflussen das rationale Denken. Das zeigt sich bereits in der Wortherkunft. Während der Begriff «Kritik» auf das Griechische «kritikē technē» zurückzuführen und «die Kunst der Beurteilung» meint, leitet sich das Verb denken vom Indogermanischen «teng» ab, was sowohl «empfinden», «denken» als auch «fühlen» bedeutet. Die Beeinflussung der Rationalität durch Gefühle schwingt also bereits im Verb «denken» mit.

Aber wie Turbulenzen im Flugzeug sorgt auch diese gedankliche Turbulenz höchstens für ein unangenehmes Gefühl, nicht für einen Absturz. Denn genau hier kann das kritische Denken einsetzen. Menschen können sich nämlich Gedanken darüber machen, welche unbewussten Einflüsse ihre Gedanken leiten, um so zu im besten Sinne kritischeren Überzeugungen zu gelangen.
Auch hier fungiert das Fliegen als bekanntes und bewährtes Beispiel. Aus ökologischer Perspektive betrachtet, ist jeder Flug einer zu viel. Damit dieser Fakt einen aber nicht daran hindert, auf die andere Seite der Erde in den Urlaub zu fliegen, finden Reisende andere Argumente, die sie höher gewichten. Zu den Klassikern gehören hier Überlegungen wie «Wenn nur ich auf den Flug verzichte, helfe ich dem Klima damit nicht», «Das gönne ich mir jetzt, ich habe so hart gearbeitet» oder auch «Ich konsumiere dafür weniger tierische Produkte». Diese Argumente sind, abhängig von den ihnen zugrunde liegenden Annahmen, durchaus legitim. Kognitionspsychologisch gesehen, dienen sie hingegen schlichtweg dazu, die Befriedigung eines (vermeintlichen) Bedürfnisses zu rechtfertigen. Wer kein ausgeprägtes Bedürfnis nach Flugreisen hat, lässt sich entsprechend leichter vom ökologischen Argument überzeugen. Unabhängig von der Konsequenz betrachtet, führen solche Überlegungen schliesslich zu einer differenzierteren Meinung.
Eine nachhaltige Kompetenz
Das kritische Denken hilft nicht nur dabei, ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben führen zu können. Auch Ansichten anderer Personen lassen sich besser verstehen. Für das gesellschaftliche Miteinander in einer Demokratie ist diese Fähigkeit von zentraler Bedeutung. Sie stellt nämlich eine notwendige Bedingung dafür dar, eigene Rechte wahrzunehmen und vor allem auch, die Pflichten in einer Demokratie zu erfüllen. Nur so lassen sich bei Abstimmungen und Wahlen vernünftige Entscheidungen treffen. Wenn politische Entscheidungen nämlich eines sind, dann komplex. Das heisst, es gibt keine richtige und keine falsche Antwort. Politische Entscheidungen sind bestenfalls immer das Ergebnis eines differenzierten Abwägungsprozesses. Das gilt besonders für Fragen im Rahmen einer nachhaltigen Entwicklung, in deren Fokus ökologische und soziale Dringlichkeiten stehen.
«Nachhaltigkeit bezeichnet einen wünschenswerten, idealen Zustand, in dem die Grundbedürfnisse aller Menschen befriedigt werden», erklärt Claudia Stübi von éducation21, «ohne dass die Umwelt als Lebensgrundlage zerstört wird». Das Ziel sei ein gutes Leben für alle. Doch die Frage, wie ein solches Leben und der Weg dahin, die nachhaltige Entwicklung, aussehen, sei nicht so einfach zu beantworten. Seit der UNO-Konferenz für Umwelt und Entwicklung von Rio 1992 sorge diese Frage für intensive Auseinandersetzungen auf allen Ebenen des politischen Systems. «Viele verschiedene Interessensgruppen beteiligen sich daran. Sie haben oft unterschiedliche Sichtweisen und Möglichkeiten, sprich Macht, sich Gehör zu verschaffen», so Stübi. «Um diesen Verhandlungen und Debatten zu folgen und sich einzubringen, müssen Schülerinnen und Schüler entsprechende Kompetenzen entwickeln.» Nur auf der Grundlage eines kritischen Denkens könnten sie die Komplexität der Diskussionen erfassen, Zielkonflikte erkennen und im Einklang mit den eigenen Werten und Möglichkeiten handeln. Das kritische Denken ist also unabdingbar für die Teilnahme an einer nachhaltigen Entwicklung und den dazugehörigen gesellschaftlichen Prozessen.

Kritisches Denken und das 4-K-Modell
Das 4-K-Modell rückt vier Kompetenzen in den Fokus: Kreativität, kritisches Denken, Kollaboration, und Kommunikation. Auch bekannt unter dem Namen der «21st Century Skills» werden diese Kompetenzen in der heutigen Zeit immer zentraler, da das 21. Jahrhundert geprägt ist von einer Vielzahl globaler sowie regionaler Herausforderungen. Faktoren wie Unbeständigkeit, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit prägen die aktuelle Zeit, deren Bewältigung bedingt die Förderung entsprechender Kompetenzen. Die 4 Ks werden in dieser Hinsicht in ihren Möglichkeiten breit diskutiert.
In unserer Reihe zum 4-K-Modell beleuchten wir in jeder Ausgabe eine der vier Kompetenzen. In der nächsten Ausgabe lesen Sie mehr zum Thema «Kollaboration».
Kritisches Denken in der Schule
Gemäss Stübi biete Unterricht in BNE eine ideale Möglichkeit, kritisches Denken zu fördern: «BNE verkündet keine Weisheiten, sondern stellt Fragen bezüglich gesellschaftsrelevanter Themen und eröffnet Diskussionsräume.» BNE-Unterricht hebe die Komplexität der Themen hervor und mache die verbundenen Chancen und Risiken sichtbar. «Bevorzugt wird ein auf die Lernenden zentrierter, forschend-entdeckender und kooperativer Unterricht, welcher auf wissenschaftlichen Fakten basiert», so Stübi. Die Schülerinnen und Schüler seien angehalten, Denkschemata und Normen auf den Grund zu gehen und zu hinterfragen. Mögliche Lösungen hinsichtlich einer nachhaltigen Entwicklung gelte es kritisch zu betrachten, zu bewerten und bestenfalls in Form von Klassen- oder Schulhausprojekten zu erproben. «Werden die Schülerinnen und Schüler in die Gestaltung des Schulalltags einbezogen, bekommen sie die Gelegenheit, vielfältige und auch herausfordernde Erfahrungen zu sammeln, sich ihre eigene Meinung zu bilden, sie zu begründen und zu vertreten.» Die Rolle der Lehrperson bestehe gemäss Stübi darin, verschiedene Positionen, Werte und Interessen bezüglich der Fragestellung aufzuzeigen, die Qualität der Diskussion zu gewährleisten und die Schülerinnen und Schüler zu vertieften Erforschungen zu ermutigen.
Eine spannende Möglichkeit, kritisches Denken zu fördern, ist die Mystery-Methode. Bei dieser beantworten Schülerinnen und Schüler gruppenweise eine mysteriöse und bestenfalls motivierende Leitfrage. Dafür sortieren sie Informationskarten und gegebenenfalls Kontextmaterialien, sie gewichten und vernetzen diese. Das Ziel eines Mysterys besteht darin, die Informationskarten visuell und gedanklich zu sortieren, um inhaltlich nicht offensichtliche Zusammenhänge zu verstehen. Und weil Mysterys nicht die eine richtige Lösung haben, lernen die Schülerinnen und Schüler, Mehrdeutigkeiten zu akzeptieren und verstehen.
Ein Mystery kann beispielsweise darin bestehen herauszufinden, warum eine Plastiktüte zuerst in einem Geschäft an einer Kasse hängt und nicht allzu viel Zeit später im Meer schwimmt und eine Schildkröte in Lebensgefahr bringt.
Auch Rollenspiele, Pro- und Contra-Diskussionen oder klassische sokratische Gespräche fördern das kritische Denken, weil sie die Schülerinnen und Schüler dazu bringen, verschiedene Perspektiven einzunehmen, Meinungen von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Das gelingt sowohl auf den unteren wie auch auf den oberen Jahrgangsstufen. Häufig genügen leicht verständliche, aber eben nicht eindeutig beantwortbare Fragen, um das kritische Denken zu aktivieren. Diese können abstrakt sein. Man denke hier an Fragen wie: Was ist gerecht? Was ist gut?
Die Fragen können sich aber auch sehr konkret auf die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler beziehen: Warum ist es (nicht) gerecht, wenn alle ein gleich grosses Stück vom Geburtstagskuchen erhalten? Warum ist es (nicht) okay, das Haustier mit in die Schule zu nehmen?
Eine fehlerfreundliche Kultur ist dafür unabdingbar. Erst sie ermöglicht, die eigenen Gedanken auszuprobieren, zu spekulieren und das eigene Denken zu beobachten. So verbinden junge Menschen Kritik bestenfalls nicht mehr mit einem Vorwurf oder unangenehmen Gefühl, sondern mit Geselligkeit, Erkenntnis und Freude.

