Jede Geschichte ist wertvoll

Text: Melanie Gamma

Wann beginnt Kommunikation? Dann, wenn ich als werdende Mutter mit dem unge­borenen Kind spreche? Oder wenn ich eine Musikdose auf den Bauch lege, damit das heranwachsende Wesen erste Melodien hören kann?

Als ich mit meiner Tochter schwanger war, wussten wir, dass sie mit Trisomie 21, dem Downsyndrom, zur Welt kommen würde. Eine meiner grössten Sorgen war, dass wir nicht miteinander werden reden können. Viele Menschen mit dieser Diagnose lernen nur eingeschränkt sprechen. Was, wenn ich und die Welt sie nicht verstehen ­würden? Natürlich gibt es heute Piktogramme, ­Tablets und sprachunterstützende Hilfsmittel. Trotzdem zerriss mich die Vor­stellung, mein Kind würde in geselligen Runden nicht mitplaudern können.

Unsere Tochter (und wir) hatte(n) Glück. Ihr Hochdeutsch ist schöner als meines. Ihr Wortschatz grösser als der von Gleich­altrigen. Sie liebt Bücher. Lesen kann sie mit 11 zwar erst einzelne Wörter. Doch hält sie ein Buch in den Händen, erzählt sie Seite für Seite, als könnte sie alles entziffern. In Wahrheit hat sie sich die Handlung, Formulierungen und Namen der Figuren gemerkt.

Sie erfindet auch selbst Geschichten für Rollenspiele mit Barbiepuppen, Plüschtieren oder einfach mit sich selbst. Darin tragen die Gestalten Konflikte aus, finden Lösungen, lachen, jammern und singen.

Apropos singen: Musik ist für mich ein zentrales Element, wie Sprache und Kommuni­kation für Kinder erlebbar werden. Unsere Mädchen hören oft deutschsprachigen Sound. Songtexte stärken ihr Gefühl für den Sprachrhythmus. Ganz nebenbei ­lernen sie, Gedanken und Emotionen zu formu­lieren. Während ich diese Zeilen schreibe, textet unsere jüngere Tochter gerade ein eigenes Lied mit einer KI-App, die sie in der Schule kennengelernt hat. Neben all den Geschichten und Briefen, die unsere neunjährige Leseratte bereits schreibt, soll es nun also ein Song werden. Cool.

Kommunikationskompetenz lernen Kinder auch über Vorbilder. In Gesprächen am Küchen­tisch oder beim Spazieren. Durch die Art und Weise, wie die Tanzlehrerin, die Lehrperson oder das Grosi mit ihnen sprechen oder chatten. Durch Menschen, die einander ausreden lassen und die zuhören.

Vielleicht beginnt Kommunikation genau dort: beim Gefühl, dass die eigenen Worte zählen. Dass es einen Wert hat, sich mit­zuteilen. Kommunikation heisst nicht, perfekt sprechen oder schreiben zu können. Sie braucht und fördert die Beziehung, die Aufmerksamkeit und den Wunsch, einander verstehen zu wollen.