Imke Wübbenhorst ist ehemalige Fussballspielerin und seit der Saison 2022 / 2023 Cheftrainerin der BSC Young Boys Frauen. Mit ihrem Team gewann sie in der Saison 2024/2025 die Schweizer Meisterschaft. Sie unterrichtete Sport und Biologie am Gymnasium Bad Zwischenahn-Edewecht in Deutschland.
Interview: Laura Scheidegger
Spätestens seit dem Schweizermeister-Titel in der Saison 2024 / 2025 kennt man die Frau hinter dem Team: Imke Wübbenhorst, die schlagfertige Chef-Trainerin der YB Frauen. Für ihre aussergewöhnlichen kommunikativen Fähigkeiten und ihr Engagement für den Frauenfussball wurde sie im Juni 2026 mit dem 16. Berner Kommunikationspreis der Berner Public Relations Gesellschaft ausgezeichnet. Im Interview spricht sie mit uns über ihren Kommunikationsstil, die Rolle der Körpersprache und die Parallelen zwischen Fussballplatz und Klassenzimmer.
Wie gehst du als Trainerin vor, um dein Team zu motivieren?
Imke Wübbenhorst: Im Leistungssport ist die intrinsische Motivation sehr hoch. Ein Weg, diese Motivation noch zu erhöhen, ist über Ziele. Zu diesem Zweck führen wir mit jeder Spielerin ein Entwicklungstagebuch und erarbeiten daraus einen individuellen Trainingsplan. Eine emotionale Bindung motiviert ebenfalls. Die Spielerinnen wissen, dass sie mit Problemen zu mir kommen können und wir gemeinsam eine Lösung finden werden. Das schafft Vertrauen und die Spielerinnen fühlen sich gehört und wohl. Sie sind dadurch auch bereit, mehr zu leisten. Kurz vor dem Spiel kann ich die Spielerinnen mit Ansprachen nochmals pushen. Im Fussball sind nicht nur die 90 Minuten auf dem Platz das Entscheidende, sondern auch alles rund herum, das keiner sieht. Dann legen wir das Fundament, damit wir in den 90 Minuten, in denen das Spotlicht an ist, leisten können.
Unterscheidet sich dein Kommunikationsstil in einfachen und schwierigen Phasen?
Nein, da darf sich nichts ändern. Wenn ich nach einer Niederlage auch noch auf den Spielerinnen rumhacke und Fehler herauspicke, ist das nicht förderlich. Stattdessen betone ich Aspekte, die gut waren, sage dann aber auch, wo wir uns noch verbessern können. Ich versuche jeweils, an guten Beispielen zu zeigen, wo wir als Team hinwollen. So bin ich erfolgreicher.
Es gibt aber auch Ausnahmen: Wenn ich merke, dass das Team Dinge, die wir uns vorgenommen haben, nicht umgesetzt hat. Fehler können immer passieren, aber wenn ich sehe, dass die Spielerinnen nicht mit ganzem Herzen bei der Sache sind, dann spreche ich das sofort an und kann auch mal laut werden. Die Spielerinnen wissen das aber und verstehen meine Reaktion.
Hattest du auch ein Vorbild in deiner aktiven Karriere, das dich und deinen Coachingstil geprägt hat?
Ja, ich hatte eine tolle Trainerin. Sie verstand sich mit allen gut, mit den Spielerinnen auf dem Platz wie auch mit den Auswechselspielerinnen. Ihre aufgeschlossene, lustige und vertrauensvolle Art sowie ihr Umgang mit Problemen haben mich sehr inspiriert.
Am meisten habe ich aber aus der Erfahrung gelernt. So musste ich lernen, dass man schnell in einen Abwärtsstrudel gerät und das Team Vertrauen verliert, wenn man sich zu sehr auf die negativen Aspekte fokussiert. Es ist wichtig, sich zu reflektieren und Situationen nochmals selbstkritisch zu betrachten. Mein Team sieht und spürt auch, wenn ich an mir selbst arbeite und mein Verhalten reflektiere. Die Spielerinnen beobachten mich als Trainerin und spiegeln meine Stimmung und meine Energie. Es ist darum sehr wichtig, dass ich ihnen vorlebe, was ich mir von ihnen wünsche.
Welche Rolle spielt nonverbale Kommunikation im Training und im Spiel?
Nonverbale Kommunikation ist sehr wichtig. Mein Team nimmt wahr, wie ich mich verhalte. Ich muss mir immer wieder vergegenwärtigen, dass mein Verhalten, meine Mimik und Gestik einen grossen Einfluss auf die Spielerinnen haben.
Mir ist es wichtig, Emotionen zu zeigen und präsent zu sein. Gerade in Spielen, in denen es nicht wie gewünscht läuft, bleibe ich bewusst stehen. In Momenten, in denen die Spielerinnen meine Unterstützung brauchen, will ich bei ihnen sein und ihnen signalisieren, dass ich mit ihnen kämpfe. Verbales Coaching ist wichtig, aber auch «Embodiment» spielt eine zentrale Rolle. Wenn ich aufrecht stehe, strahlt das Präsenz aus. Das überträgt sich auf die Spielerinnen.
Wie gehst du damit um, wenn die Kommunikation innerhalb des Teams nicht funktioniert?
Ich habe ein sehr gutes Team! Wir achten bei den Verpflichtungen der Spielerinnen generell nicht nur darauf, ob die Position die richtige ist, sondern auch, dass es mental passt. Es ist ein unglaublicher Vorteil, den wir als Team haben, weil wir uns alle so gut verstehen. Jede geht für die andere durchs Feuer, auf und neben dem Platz. Ich bin darum bei kommunikativen Problemen innerhalb des Teams gar nicht gefragt. Wichtige Fragen klären die Spielerinnen untereinander mithilfe unseres Teamrates.
Du hast auch einen pädagogischen Hintergrund. Wo siehst du in Bezug auf die Kommunikation die grössten Parallelen zwischen dem Klassenzimmer und dem Spielfeld?
Das hängt sicherlich von der Stufe ab, die man unterrichtet. Ich unterrichtete im gymnasialen Zweig von der 5. bis zur 13. Klasse. In der 5. Klasse war ich noch sehr erzieherisch wirksam. Ab der 7. Klasse rückt die Motivation in den Vordergrund. In der Oberstufe sind die Schülerinnen und Schüler nicht mehr schulpflichtig und daher meist intrinsisch sehr motiviert. Das ist eher zu vergleichen mit dem Fussball. Die Schülerinnen und Schüler haben das Ziel, ihr Abitur zu bestehen, sie helfen sich auch gegenseitig mit Lerngruppen. Lerngruppen sind vergleichbar mit einem Team: Man verbringt viel Zeit miteinander und hat ein gemeinsames Ziel. Auch zwischen dem Beruf als Lehrperson und dem als Coach gibt es Parallelen: Es ist wichtig, eine angstfreie Kultur zu schaffen, in der sich alle gesehen und wichtig fühlen.
