Kreativ ist zu selten «normal»

Text: Melanie Gamma

«Die integrative Schule ist gescheitert.» Dieser Satz in Medienberichten erschütterte mich letzten Sommer. Das wunderbarste Gegenargument sitzt meist mit mir am Mittagstisch: unsere ältere Tochter. «Mami, es war cool im Wald. Wir bauten mit Baumstämmen einen Parcours. Mina half mir beim Balancieren. Ich ‹grübelte› ihr dafür einen Wurm aus der Erde und legte ihn in den Lupenbecher, damit wir ihn untersuchen konnten. Mina fand das ‹grusig›, ich nicht.» 

Unsere 4.-Klässlerin zeigt, wie Inklusion funktioniert. Sie lebt mit Trisomie 21, dem Down-Syndrom. Während ihre Gspänli dicke Bücher lesen und Geschichten schreiben, entziffert sie kurze Wörter. Statt bis 10 000 rechnet sie bis 10. Um sie in der Regelklasse zu fördern, braucht es die Unterstützung einer Heilpädagogin oder der Klassenassistenz und oft einen abgeänderten Auftrag. Oder, passend zum Thema dieses Magazins, kreative Ansätze.

Ein Beispiel? Feinmotorisch «hindedrii», benötigte unsere Tochter in den ersten zwei Schuljahren Support, um den Reissverschluss ­ihrer Jacke zu schliessen, die Treppe zum Pausenplatz oder auf dem Spielplatz das Kletter­gerüst zu bewältigen. So organisierte die Schule für unser Mädchen «Pausenkinder», ältere Schüler:innen, die sie ­abwechselnd begleiteten. Noch heute grüssen jene jetzigen Teenies unsere Tochter, wenn wir sie im Dorf kreuzen. Teilhabe – über den Schulhof hinaus; so geht das. Wie wertvoll ist es doch, dass auch Kids, die der «Norm» entsprechen, von einer inklusiven Schule profitieren – etwa, weil sie lernen, Verantwortung zu übernehmen.

Zurück zu unserer Zehnjährigen. Mit derselben Begeisterung wie von Baumstämmen und Würmern berichtet sie, mit wem sie ihr Znüni geteilt hat oder wie sie für ein Experiment bunte Flüssigkeiten hin- und her goss. Ihr Strahlen treibt mich an, gegen Budgetkürzungen im Bildungsbereich zu kämpfen. Denn damit die inklusive Schule nicht scheitert, ­müssen wir unser Schulsystem und die ­pädagogischen Fachpersonen stärken. 

Kreatives Denken in der Schule heisst für mich mehr, als Lehrmittel oder Bastelideen zu kreieren. Innovative Lernorte sind jene mit mutigen Schulleitungen und Pädagog:innen. Wo alle Kinder einen Platz finden. Ich hoffe, irgendwann sind inklusive Schulen unumstritten und normal. Wobei, was ist schon «normal»?