«Ich lerne nicht weniger, einfach ander(e)s»

Text: Julia Schumacher; Bilder: Melanie Duchene (md-photographie.ch)

In einer zunehmend komplexen und vernetzten Welt gewinnen das gemeinsame Arbeiten und Lernen an Bedeutung. Kollaboration bedeutet dabei im Kontext der Schule weit mehr als nur das Arbeiten in Gruppen – sie bildet die Grundlage für eine Lernkultur, in der Schülerinnen und Schüler gemeinsam denken, handeln und wachsen. Dies mit dem Ziel einer gelungenen Integration im späteren sozialen und beruflichen Leben.
Doch welche Bedingungen müssen geschaffen werden, damit echte Zusammen­arbeit entsteht? Wie gelingt es, dass alle Lernenden aktiv beteiligt sind und Verantwortung übernehmen, unabhängig von ihrem Lernniveau? Und welche Rolle spielt dabei die Lehrperson? Ein Besuch an der Schule Staffeln in Luzern liefert Antworten.

«Ich begrüsse euch zum Clusterrat», eröffnet Aurel die Sitzung. Er spricht eine kleine Gruppe von Schülerinnen und Schülern sowie eine Lehrperson in einem Schulzimmer der Primarschule Staffeln an. Der Sechstklässler weist auf die Rollen der ­Anwesenden hin, während sein Mitschüler Louis die Sitzung protokolliert. Heute ­diskutiert der Rat, wie das verbleibende Budget für die Schulgemeinschaft eingesetzt werden soll.

Der Clusterrat als Beispiel gelebter Partizipation und Kollaboration

Die Primarschule Staffeln liegt in Reussbühl, eines der grössten Quartiere der Stadt Luzern, und zählt 24 Klassen und 7 Kindergärten mit rund 560 Schülerinnen und Schülern. Im Jahr 2020 – mitten in der Corona-Pandemie – wurde der Schulbetrieb im neuen Schulhaus aufgenommen. 

«Dieses Schulhaus ist eines der ersten, bei dem ein pädagogisches Konzept bereits in der Ausschreibung miteinbezogen wurde», erklärt Co-Schulleiter Christof Bünter. Sichtbar wird die Idee der «kleinen Schulen in der grossen Schule», wie Bünter sie nennt, in der architektonischen Raumgestaltung. Auf einem Stockwerk befinden sich je zwei Mal vier Klassenzimmer und zwei Gruppenräume, die sich durch Trennwände öffnen lassen. Türen und Wände aus Glas schaffen Offenheit. In der Mitte be­finden sich Begegnungszonen und Arbeitsplätze in Form von Sitzgelegenheiten und Arbeitstischen.

In einem dieser modularen Räume hält der «Clusterrat» mit Aurel und Louis seine Sitzung. Der Rat ist Teil des partizipativen Konzepts der Primarschule Staffeln. Darin wird der Unterricht in sogenannte Cluster (dt. Gruppen) unterteilt, welche vier Klassen derselben Stufen umfassen. So gibt es beispielsweise in den Unter­stufen-Clustern jeweils zwei erste und zwei zweite Klassen, in den Mittelstufen-Clustern je zwei dritte und vierte Klassen und in der oberen Mittelstufe ­bestehen die Cluster aus fünften und ­sechsten Klassen. Aus jeder Klasse werden zwei Schülerinnen oder Schüler von ihren Mitlernenden in den Clusterrat gewählt, wodurch dieser jeweils acht Mitglieder zählt. 

«In den Clustern diskutieren die Schülerinnen und Schüler über das Zusammenleben sowie über Ideen für Anlässe und Aktivitäten auf einer demokratischen Ebene. Wir fördern dadurch das Verantwortungs­bewusstsein unserer Lernenden und lassen sie Entscheidungskompetenz erfahren», erklärt Bünter. Ebenfalls demokratisch gewählt werden die Vertreterinnen und Vertreter aus jedem Clusterrat für den über­geordneten Staffelnrat, der über Regeln oder schulweite Veranstaltungen wie die Staffeln-Party entscheidet.

Durch Kollaboration Verantwortungsbewusstsein und Handlungskompetenz fördern

Aurel wurde bereits zum zweiten Mal in den Clusterrat gewählt. «Wir mussten eine Rede halten, in der wir unsere Ideen für die Schule vorstellten», erklärt Aurel. «Mich motiviert die Möglichkeit, die Meinungen meiner Klassenkameraden zu verstehen und gute ­Lösungen für ihre Wünsche zu finden.» Er schätze die Chance, Verantwortung zu übernehmen und ­Entscheidungen mitzugestalten. «Es macht grossen Spass», stimmt auch Louis zu.

Der Clusterrat fördert das ­Verantwortungsbewusstsein und die Entscheidungskompetenz.

«Der Clusterrat ist bei unseren Schülerinnen und Schülern sehr beliebt», bestätigt Mira Brechbühl. Sie unterrichtet seit knapp fünf Jahren an der Primarschule Staffeln. Auch sie als Lehrperson erlebt das partizipative Konzept als positiv. «Ich schätze die Struktur des Schulhauses sowie die Möglichkeit auf Mitbestimmung. Die Kinder wirken hier aktiv an ihrem Lernprozess mit. Die Teamarbeit ist im Cluster sehr niederschwellig und stellt für uns Lehrpersonen oft eine Entlastung dar. Dadurch entstehen Räume für kreative Lernprozesse.» 

Am Ende der heutigen Sitzung des Clusterrats fasst Mira Brechbühl das Erreichte zusammen und erklärt das weitere Vorgehen. Die von Louis protokollierten Vorschläge werden nun den Klassen innerhalb des Clusters zur Abstimmung vorgelegt. Die Mitglieder des Clusterrats wirken zufrieden, viele von ihnen ­haben ein Lächeln im Gesicht. Die Sitzung ist beendet, die Schülerinnen und Schüler kehren in ihren Unterricht zurück.

Kollaborativ am Lernprozess arbeiten

Partizipation ist im Konzept der Primarschule ­Staffeln als Grundhaltung verankert. Die Lernenden sollen als Teil einer Gemeinschaft den Unterricht und das Zusammenleben aktiv mitgestalten. Durch diese ­Haltung rücken die sogenannten «21st Century Skills» in den Fokus, Kompetenzen also, die in der modernen Gesellschaft relevant sind. Das sogenannte 4-K-Modell (­siehe Kasten) rückt vier dieser Kompetenzen in den Vordergrund: Kreativität, kritisches Denken, Kollaboration und Kommunikation. 

Die Stärkung dieser Kernkompetenzen soll Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, sich in einer sich rasant verändernden Gesellschaft zu orientieren und Anpassungsfähigkeit für diesen Wandel zu entwickeln. Die Primarschule Staffeln bietet ein Beispiel für eine mögliche Umsetzungsform zur Erreichung dieser ­Ziele. Denn der Kanton Luzern setzt mit seinem Entwicklungsvorhaben «Schulen für alle» unter anderem auf offene Unterrichtsstrukturen mit kooperativen und partizipativen Lernformen.

Partizipation und Kollaboration stehen in einem ­engen Zusammenhang. Partizipation bezeichnet die Mitwirkung an Entscheidungsprozessen, während Kollaboration die aktive Zusammenarbeit zur Er­reichung eines gemeinsamen Ziels ist. Bei der Parti­zipation bringen Einzelpersonen oder Gruppen ihre Sichtweisen ein und können Entscheidungen mitgestalten, wohingegen Kollaboration das gemeinsame, prozessorientierte Handeln mehrerer Akteure in den Vordergrund stellt. Beide Konzepte können auch als Teil desselben Prozesses gesehen werden, wobei Partizipation oft die Grundlage für eine anschliessende Kollaboration schafft.

Und so wird Kollaboration zum Schlüsselbegriff, wenn es um zukunftsorientierte Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens geht. Unter Kollaboration versteht man in der Regel eine gleichberechtigte, zielgerichtete und intensive Zusammenarbeit meh­rerer Personen, welche insbesondere in Arbeits­strukturen zum Ausdruck kommt. Zentral für Kollaboration ist Gemeinsamkeit. Es findet keine strikte Arbeits­teilung statt, sondern das Team kommt durch gemeinsames Denken, Entscheiden und Gestalten zu seinem Ziel. 

Im schulischen Kontext bedeutet Kollaboration, dass Lernende und Lehrpersonen gemeinsam am Lernprozess arbeiten. Das heisst, die Schülerinnen und Schüler empfangen nicht nur Wissen, sondern ­gestalten den Lernprozess aktiv mit. Auch Lehr­personen kollaborieren miteinander. So zum Beispiel bei der Unterrichtsplanung oder bei der Entwicklung gemeinsamer Lernarrangements. Oder wie anhand des Beispiels der Primarschule Staffeln, durch die ­Aufteilung der Klassen in Cluster.

Die Königspython «Linguini» wird von den Lernenden liebevoll umsorgt.

Kollaboration und das 4-K-Modell

Das 4-K-Modell rückt vier Kompetenzen in den Fokus: Kreativität, kritisches Denken, Kollaboration, und Kommunikation. Auch bekannt unter dem Namen der «21st Century Skills» werden diese Kompetenzen in der heutigen Zeit immer zentraler, da das 21. Jahrhundert geprägt ist von einer Vielzahl globaler sowie regionaler Herausforderungen. Faktoren wie Unbeständigkeit, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit prägen die aktuelle Zeit, deren Bewältigung bedingt die Förderung entsprechender Kompetenzen. Die 4 Ks werden in dieser Hinsicht in ihren Möglichkeiten breit diskutiert.

In unserer Reihe zum 4-K-Modell beleuchten wir in jeder Ausgabe eine der vier Kompetenzen. In der nächsten Ausgabe lesen Sie mehr zum Thema «Kommunikation». 

Wie eine Schlange zur Wegbereiterin wurde

Die Schulglocke läutet zur nächsten Lektion. Aufgeregt wuseln die Schülerinnen und Schüler zurück in ihre Klassenzimmer. Eine kleinere Gruppe läuft aufgeregt tuschelnd in das «Projekt Club»-Zimmer, in dem sich ein nicht ganz gewöhnliches Haustier findet: Eine Königs­python. Sie scheint sich in dem von den Lernenden ­gebauten Terrarium wohlzufühlen. 

Das Projekt wurde von Lehrer Travis Oehri initiiert – ­inspiriert von seiner persönlichen Leidenschaft für Rep­tilien. In Untergruppen erarbeiteten die Schülerinnen und Schüler Materiallisten, Budgetberechnungen, Bau­pläne sowie Pflegekonzepte. Die aktuell verantwortliche Gruppe präsentiert stolz den Fütterungs- und Reinigungsplan, die Umgangsregeln mit dem Tier sowie eine Besuchsliste. «Jede und jeder hat eine klar definierte Rolle und nimmt diese mit spürbarer Verantwortung wahr», erklärt Oehri.

Projektunterricht wird an der Primarschule ­Staffeln grossgeschrieben. «Es ist eine Haltungs­frage. Einen grossen Stellenwert hat bei uns Indivi­dualität, welche in Projekten zum Ausdruck kommen kann. Denn in der Leidenschaft liegt am meisten Kraft», so Christof Bünter. Projektunterricht findet innerhalb der Cluster und während der regulären Unter­richts­zeit statt. Die Lernenden bewerben sich auf ein ausgeschriebenes Projekt und arbeiten parallel zum Regelunterricht in einer Kleingruppe. Der Schulleiter erklärt: «Die verpassten Lektionen müssen nicht nachgeholt werden. Vielmehr soll dadurch den Bedürfnissen der Kinder entgegengekommen werden.» Auf die Frage, ob sie als Schülerin den ver­passten Unterricht als Nachteil empfinde, antwortet Mia: «Ich lerne nicht weniger, einfach anders.» Sie war Teil der Projektgruppe «4K-Terrarium» und für die Konstruktion sowie den Bau des Terrariums verantwortlich.

Chancen und Herausforderungen aus dem Schulalltag

Partizipation und Kollaboration werden an der Schule gefördert, bleibt allerdings immer freiwillig – ein Prinzip, das Bünter bewusst schützt. Neben dem viel­seitigen Angebot von Clubs und Projekten bildet den grössten Teil des Schulalltags der normale Regel­unterricht – mit all seinen Herausforderungen. Und genau dort zeigt sich, wie gewinnbringend es ist, Partizipation und Kollaboration nachhaltig zu verankern.

Ein zentrales Thema ist zum Beispiel die individuelle Förderung unterschiedlicher Lernniveaus. «Mit dem Standort der Schule in einem multikulturellen und -lingualen Quartier ist die Sprachförderung durch DaZ-Unterricht sehr präsent. Auch hier arbeiten die Schülerinnen und Schüler in klassenübergreifenden Gruppen innerhalb ihres Clusters.» Der Austausch im Cluster sei schnell und niederschwellig. Die Förderung könne dadurch sehr gezielt und intensiv erfolgen, erklärt Bünter. Hier zeigt sich, dass Kollaboration nicht nur ein pädagogisches Konzept, sondern auch ein pragmatisches Werkzeug ist: Schülerinnen und Schüler arbeiten klassen­übergreifend in ihren Clustern zusammen, unter­stützen sich gegenseitig sprachlich und fachlich – und entwickeln dadurch ­soziale und kommunikative Kompetenzen, die über den Unterricht hinauswirken.

Doch wie werden diese Kompetenzen gemessen? Der Fokus liegt an der Schule Staffeln stärker auf dem «Beurteilen» als auf dem «Bewerten». «Wir sind eine Schule ohne Ziffernnoten während des Semesters», so Bünter. «Die Leistungen werden im Lehrpersonen-Team aufgrund von Beobachtungen am Ende des Schuljahres beurteilt, mit den Lernenden besprochen und erst fürs Zeugnis in Noten zusammengefasst. Diese Vorgehensweise funktioniert für uns sehr gut – der Leistungsdruck fällt von den Lernenden ab und ihre intrinsische Motivation steigt.» Bünter ist überzeugt, dass die Eltern dadurch ein differenzierteres Bild des Lernfortschritts ihrer Kinder erhalten. Die formativen Beurteilungen dienen dabei nicht nur der Leistungs­dokumentation, sondern auch der Bedarfs­ermittlung für die weitere Förderung. 

In kollaborativen Projekten ent­wickeln die Lernenden wichtige, überfachliche Kompetenzen.

Kollaboration als Arbeitsgrundlage der Lehrpersonen 

Auch der Beruf der Lehrperson ist in ständigem Wandel. «Es gilt, eine gute Balance zwischen der Entwicklung neuer Projekte und dem Vorteil von bereits durchgeführten Sequenzen zu finden.», sagt Christof Bünter. Die Arbeit im Team würde zwar viel erleichtern, allerdings müsse diese auch geübt werden. Denn die Offenheit der Schulstruktur verlangt von Lehrpersonen ein hohes Mass an Selbstorganisation und Teamfähigkeit. Der Co-Schulleiter erklärt: «In einem neuen Team können die Prozesse, die notwendig sind, um auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, sehr aufwendig sein. Durch Erfahrung und Stabilität ist jedoch vieles wieder gewonnen.» 

Schulleitungsmitglied Fabiano Bieri fasst zusammen: «Wir schonen Ressourcen, indem wir die Stärken und Interessen der Lehrpersonen gezielt einsetzen.» Kollaboration ist somit in der Schule Staffeln nicht nur Lernprinzip der Kinder, sondern auch Arbeitsgrundlage der Erwachsenen – ein verbindendes Element, das Partizipation, Förderung, Beurteilung und Team­arbeit zu einem kohärenten Gesamt­system verbindet.

Die Schulleitung der Primarschule Staffeln unterstützt und fördert Lehrpersonen dabei in ihrer Umsetzung von partizipativen und kollaborativen Unterrichtsformen. «Es ist eine Kulturfrage», sagt Christof Bünter, «doch auch ganz normaler Unterricht funktioniert.» Fabiano Bieri ergänzt: «Wir erhalten viele positive Rückmeldungen aus dem schulischen Umfeld, welche unser Konzept stärken.»

Für die Schule Staffeln steht schon bald ein weiteres Entwicklungsvorhaben an, welches «Betreuung» und «Unterricht» enger zusammenrücken lassen wird. Ab 2027 erfolgt die Einführung einer Tagesschule. Doch in näherer Zukunft wird der Clusterrat zunächst noch seine Finanzkompetenz wahrnehmen und über das verbleibende Budget für die Schulgemeinschaft entscheiden. Dazu braucht es noch weitere Abklärungen: Zum jetzigen Zeitpunkt ­stehen ein gemeinsamer Kinobesuch oder gemeinsames Pizzabacken zur Auswahl.

«Kollaboration ist für mich etwas sehr Persönliches»

Mathias Schenk ist Frontmann der Band «Death by Chocolate» und ist zusammen mit Marco Gurtner im Podcast «Herrgöttli panaschiert» zu hören. Die beiden sind ausserdem aktuell mit dem Programm «Marathon» auf Tour. Mathias Schenk arbeitet in Biel als Lehrperson im Zyklus 3.

Interview: Laura Scheidegger

Die Arbeit mit anderen zieht sich durch sein Leben wie ein roter Faden: Mathias Schenk ist Sänger und Gitarrist der Band «Death by Chocolate», veröffentlicht einen Podcast und ist aktuell mit dem Bühnenprogramm «Marathon» unterwegs. Wenn er nicht gerade im Tonstudio oder auf der Bühne steht, ist er hauptberuflich im Klassenzimmer als Lehrperson anzutreffen. Im Gespräch erzählt uns Mathias Schenk, warum Kollaboration für ihn essenziell ist und wann es für ihn schwierig ist, mit anderen zusammenzuarbeiten.

Du bist Musiker, Podcaster und Lehrer. Du arbeitest also viel mit anderen zusammen. Ist es dir schon immer leichtgefallen, zu kollaborieren oder musstest du das zuerst lernen?

Mathias Schenk: Die Band «Death by Chocolate» gibt es mittlerweile seit über 20 Jahren. In der Band haben wir von Anfang an kollaborativ funktioniert. Das betrifft natürlich die Komposition der Songs, aber auch andere Aspekte wie die Organisation und die Logistik. In einer Band ist Kollaboration besonders wichtig, damit alles reibungslos funktioniert. Ich glaube schon, dass ich durch die Arbeit mit der Band gelernt habe, zu kollaborieren, auch wenn es eher ein unterbewusster Prozess war.

Was macht für dich eine gute Kollaboration aus?

Ich würde sagen, das hat viel mit persönlichen Stärken zu tun. Ich bin produktiver, wenn ich mit Personen zusammenarbeiten kann, die Sachen gut können, die mir vielleicht nicht so liegen. Gleichzeitig unterstütze und entlaste ich die anderen mit dem, was ich gut kann. In der Band ergänzen wir uns alle gut, wir kennen die Stärken der anderen.

Es hilft auch, wenn man weiss, dass sich andere auf einen verlassen. So werden Pläne und Deadlines oft verbindlicher. Sobald ich mit jemandem kollaboriere, muss ich genauer verbalisieren, was ich will und was meine Erwartungen und Ziele sind. Dadurch werden Ideen greifbarer.

Wie erlebst du Kollaboration in deinem Beruf als Lehrperson?

An der Schule kommt es eher vor, dass ich auch allein arbeite. Natürlich tausche ich mich mit dem Kollegium aus. Aber vor der Klasse stehe dann ich. Und die Lernenden wollen nicht immer unbedingt dasselbe wie ich [lacht]. Es ist mir aber wichtig, dass die Lernenden im Klassenverband in einer respektvollen Art zusammenarbeiten können. Wenn es einen Skill gibt, der im Leben wichtig ist, dann ist es, dass man gemeinsam mit anderen an Aufgaben und Problemstellungen arbeiten kann.

Gibt es Momente, in denen es dir schwerfällt, mit anderen zu kollaborieren? Woran liegt das?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe vor ein paar Jahren für einen Auftrag mit zwei unterschiedlichen Produktionsteams gearbeitet. Im ersten Jahr arbeitete ich mit Produktionsteam A und die Kollaboration machte allen Beteiligten Spass. Im Folgejahr habe ich denselben Auftrag mit Produktionsteam B ausgeführt und die Zusammenarbeit war nicht befriedigend. Der Inhalt war derselbe, aber auf der zwischenmenschlichen Ebene hätten die beiden Erlebnisse nicht unterschiedlicher sein können. 

Kollaboration ist für mich etwas sehr Persönliches. Bei meinen kreativen Projekten muss eine Kollaboration für mich menschlich stimmen, damit wir zusammen etwas Cooles auf die Beine stellen können. Ich muss mich mit der Person, mit der ich zusammenarbeite, sehr gut verstehen. Dies kann sich mit der Zeit aber auch verändern. Kürzlich hat jemand zu mir gesagt: «Beziehungen sind endlich.» Das klingt extrem, ist aber wahr. Unsere Band hat lange mit demselben Manager zusammengearbeitet. Irgendwann merkten wir, dass die Zusammenarbeit für uns nicht mehr stimmt, und wir haben sie beendet. Man muss wissen, wann etwas zu Ende ist, wenn die Bedürfnisse nicht mehr dieselben sind oder man sich gegenseitig nicht mehr guttut. Das zu erkennen und entsprechend zu handeln, ist nicht immer einfach, aber wichtig.

Kollaborationen erfolgen nicht immer reibungslos. Wie geht ihr in der Band mit kreativen Differenzen um?

Wir sind uns tatsächlich sehr häufig einig. Wir sind aber alle offen für Inputs und sagen einander auch, wenn wir etwas anders machen würden. Das mussten wir aber auch erst lernen. Am Anfang war es schwierig für mich, zu sagen, dass mir etwas nicht gefällt. Es fällt auch nicht immer leicht, Kritik zu erhalten. Kollaboration ist ein Prozess.

Hast du einen Geheimtipp für eine erfolgreiche Kollaboration?

Ich glaube, dass es hilft, sich selbst und die Sache nicht zu ernst zu nehmen. Als Marco Gurtner und ich das Programm «Marathon» geschrieben haben, merkten wir plötzlich, dass wir zu viel Material haben und kürzen müssen. Das fiel besonders mir sehr schwer. Man muss lernen, Dinge loszulassen, die niemand anderes vermissen wird. Aber Dinge, die man selbst aus dem Nichts erschaffen hat, liegen einem sehr schnell am Herzen. Hier sind kollaborative Settings und Inputs von aussen unglaublich wertvoll. So ist es auch mit der Band. Sobald ein Song fertig ist, kommt unser Produzent hinzu und gibt uns spezifisches Feedback. Wir sind mittlerweile ein sehr eingespieltes Team und es kommt uns zugute, dass keiner von uns ein riesiges Ego hat. Wir verfolgen schlussendlich alle dasselbe Ziel: gemeinsam eine gute Zeit zu haben und coole Musik zu machen.

Schulwege sind Lebenswege

Text: Melanie Gamma

Ich gebe es zu. Manchmal begleite ich ­meine Töchter auf dem Schulweg. Meist nur bis zum Zebrastreifen an der Hauptstrasse. Ab und zu spaziere ich bis zum Schulhaus mit und geniesse die Plaudereien mit den Gspänli, die unterwegs dazu­zustossen. 

An jenem Morgen geht es auf dem Schulhausplatz zu und her wie bei einem ­Formel-1-Boxenstopp. Autos brausen heran, Tür auf, Kind raus. Jemand schreit ­etwas hinterher. Bei Regen parken Fahrzeuge mit laufendem Motor den Gehsteig zu. Schüler:innen warten im Auto im «Schärme», bis die Glocke ertönt. Die «Wetterfesten» in den Gummistiefeln müssen vom Trottoir auf die Strasse ausweichen, um zum Kindergarten-Eingang zu gelangen.

Elterntaxis sorgen vielerorts für Ärger – und niemand findet eine Lösung, sie zu stoppen. In unserem Dorf hängen Plakate. «Coole Kinder gehen zu Fuss». Elterntaxis sind mehr als «uncool». Sie nehmen den Schüler:innen viel. Etwa die Chance, zu üben, Verantwortung zu übernehmen – für sich und für andere. 

Neulich stand meine Tochter mit einer Mitschülerin vor unserer Tür. Diese legt ihren eher langen Schulweg mit dem Trottinett zurück. Nun wurde es aus dem Schulhaus-Veloständer geklaut. Wir riefen die Mama der Bestohlenen an, um ihre Verspätung anzukündigen; weil sie heim­spazieren musste, statt «heim­zurasen». 

Mit Verspätung trudeln unsere Mädels regel­mässig ein. Wie zuletzt, als ein Gewitter aufzog. Donner grollte. Endlich erblickte ich die zwei durchs Küchenfenster. Pudelnass öffneten sie das Gartentor, ­klingelten. Sofort sprudelte es aus ihnen heraus: «Wir haben mit Mila zusammen noch Tina heimbegleitet, sie hatte Angst im Gewitter. War ein Umweg, aber sie war froh, dass sie nicht allein war, und wir auch.»
Genau das zeigt: Der Schulweg ist mehr als die Distanz zwischen Haustür und ­Klassenzimmer. Er ist «Lebensweg». Kinder trainieren Selbstständigkeit, tanken Selbstvertrauen, entwickeln ein Gefahren­bewusstsein. Unterwegs bilden sich «Teams», in denen man lernt, das eigene Tempo dem von anderen anzupassen, oder mutig voranzugehen und aufeinander achtzugeben. 

Sollte es ausnahmsweise ein Elterntaxi brauchen, weil jemand aus einer Nachtschicht kommt oder die Kinder auf dem Arbeitsweg «abladen» muss, hier ein Tipp: Halten Sie mit Ihrem Auto nicht direkt vor der Schule, sondern im Quartier. Wer weiss, vielleicht findet ihr Kind auf den paar Metern ohne Sie einen schönen Stein – oder einen neuen Freund?

Ausblick

In der nächsten Ausgabe von paideia schliessen wir unsere Reihe zu den Kompetenzen des 4-K-Modells ab und widmen uns ganz dem Thema «Kommunikation». 

paideia erscheint das nächste Mal im September 2026.