Text: Julia Schumacher; Bilder: Melanie Duchene (md-photographie.ch)
In einer zunehmend komplexen und vernetzten Welt gewinnen das gemeinsame Arbeiten und Lernen an Bedeutung. Kollaboration bedeutet dabei im Kontext der Schule weit mehr als nur das Arbeiten in Gruppen – sie bildet die Grundlage für eine Lernkultur, in der Schülerinnen und Schüler gemeinsam denken, handeln und wachsen. Dies mit dem Ziel einer gelungenen Integration im späteren sozialen und beruflichen Leben.
Doch welche Bedingungen müssen geschaffen werden, damit echte Zusammenarbeit entsteht? Wie gelingt es, dass alle Lernenden aktiv beteiligt sind und Verantwortung übernehmen, unabhängig von ihrem Lernniveau? Und welche Rolle spielt dabei die Lehrperson? Ein Besuch an der Schule Staffeln in Luzern liefert Antworten.
«Ich begrüsse euch zum Clusterrat», eröffnet Aurel die Sitzung. Er spricht eine kleine Gruppe von Schülerinnen und Schülern sowie eine Lehrperson in einem Schulzimmer der Primarschule Staffeln an. Der Sechstklässler weist auf die Rollen der Anwesenden hin, während sein Mitschüler Louis die Sitzung protokolliert. Heute diskutiert der Rat, wie das verbleibende Budget für die Schulgemeinschaft eingesetzt werden soll.
Der Clusterrat als Beispiel gelebter Partizipation und Kollaboration
Die Primarschule Staffeln liegt in Reussbühl, eines der grössten Quartiere der Stadt Luzern, und zählt 24 Klassen und 7 Kindergärten mit rund 560 Schülerinnen und Schülern. Im Jahr 2020 – mitten in der Corona-Pandemie – wurde der Schulbetrieb im neuen Schulhaus aufgenommen.
«Dieses Schulhaus ist eines der ersten, bei dem ein pädagogisches Konzept bereits in der Ausschreibung miteinbezogen wurde», erklärt Co-Schulleiter Christof Bünter. Sichtbar wird die Idee der «kleinen Schulen in der grossen Schule», wie Bünter sie nennt, in der architektonischen Raumgestaltung. Auf einem Stockwerk befinden sich je zwei Mal vier Klassenzimmer und zwei Gruppenräume, die sich durch Trennwände öffnen lassen. Türen und Wände aus Glas schaffen Offenheit. In der Mitte befinden sich Begegnungszonen und Arbeitsplätze in Form von Sitzgelegenheiten und Arbeitstischen.
In einem dieser modularen Räume hält der «Clusterrat» mit Aurel und Louis seine Sitzung. Der Rat ist Teil des partizipativen Konzepts der Primarschule Staffeln. Darin wird der Unterricht in sogenannte Cluster (dt. Gruppen) unterteilt, welche vier Klassen derselben Stufen umfassen. So gibt es beispielsweise in den Unterstufen-Clustern jeweils zwei erste und zwei zweite Klassen, in den Mittelstufen-Clustern je zwei dritte und vierte Klassen und in der oberen Mittelstufe bestehen die Cluster aus fünften und sechsten Klassen. Aus jeder Klasse werden zwei Schülerinnen oder Schüler von ihren Mitlernenden in den Clusterrat gewählt, wodurch dieser jeweils acht Mitglieder zählt.
«In den Clustern diskutieren die Schülerinnen und Schüler über das Zusammenleben sowie über Ideen für Anlässe und Aktivitäten auf einer demokratischen Ebene. Wir fördern dadurch das Verantwortungsbewusstsein unserer Lernenden und lassen sie Entscheidungskompetenz erfahren», erklärt Bünter. Ebenfalls demokratisch gewählt werden die Vertreterinnen und Vertreter aus jedem Clusterrat für den übergeordneten Staffelnrat, der über Regeln oder schulweite Veranstaltungen wie die Staffeln-Party entscheidet.
Durch Kollaboration Verantwortungsbewusstsein und Handlungskompetenz fördern
Aurel wurde bereits zum zweiten Mal in den Clusterrat gewählt. «Wir mussten eine Rede halten, in der wir unsere Ideen für die Schule vorstellten», erklärt Aurel. «Mich motiviert die Möglichkeit, die Meinungen meiner Klassenkameraden zu verstehen und gute Lösungen für ihre Wünsche zu finden.» Er schätze die Chance, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen mitzugestalten. «Es macht grossen Spass», stimmt auch Louis zu.

«Der Clusterrat ist bei unseren Schülerinnen und Schülern sehr beliebt», bestätigt Mira Brechbühl. Sie unterrichtet seit knapp fünf Jahren an der Primarschule Staffeln. Auch sie als Lehrperson erlebt das partizipative Konzept als positiv. «Ich schätze die Struktur des Schulhauses sowie die Möglichkeit auf Mitbestimmung. Die Kinder wirken hier aktiv an ihrem Lernprozess mit. Die Teamarbeit ist im Cluster sehr niederschwellig und stellt für uns Lehrpersonen oft eine Entlastung dar. Dadurch entstehen Räume für kreative Lernprozesse.»
Am Ende der heutigen Sitzung des Clusterrats fasst Mira Brechbühl das Erreichte zusammen und erklärt das weitere Vorgehen. Die von Louis protokollierten Vorschläge werden nun den Klassen innerhalb des Clusters zur Abstimmung vorgelegt. Die Mitglieder des Clusterrats wirken zufrieden, viele von ihnen haben ein Lächeln im Gesicht. Die Sitzung ist beendet, die Schülerinnen und Schüler kehren in ihren Unterricht zurück.
Kollaborativ am Lernprozess arbeiten
Partizipation ist im Konzept der Primarschule Staffeln als Grundhaltung verankert. Die Lernenden sollen als Teil einer Gemeinschaft den Unterricht und das Zusammenleben aktiv mitgestalten. Durch diese Haltung rücken die sogenannten «21st Century Skills» in den Fokus, Kompetenzen also, die in der modernen Gesellschaft relevant sind. Das sogenannte 4-K-Modell (siehe Kasten) rückt vier dieser Kompetenzen in den Vordergrund: Kreativität, kritisches Denken, Kollaboration und Kommunikation.
Die Stärkung dieser Kernkompetenzen soll Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, sich in einer sich rasant verändernden Gesellschaft zu orientieren und Anpassungsfähigkeit für diesen Wandel zu entwickeln. Die Primarschule Staffeln bietet ein Beispiel für eine mögliche Umsetzungsform zur Erreichung dieser Ziele. Denn der Kanton Luzern setzt mit seinem Entwicklungsvorhaben «Schulen für alle» unter anderem auf offene Unterrichtsstrukturen mit kooperativen und partizipativen Lernformen.
Partizipation und Kollaboration stehen in einem engen Zusammenhang. Partizipation bezeichnet die Mitwirkung an Entscheidungsprozessen, während Kollaboration die aktive Zusammenarbeit zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels ist. Bei der Partizipation bringen Einzelpersonen oder Gruppen ihre Sichtweisen ein und können Entscheidungen mitgestalten, wohingegen Kollaboration das gemeinsame, prozessorientierte Handeln mehrerer Akteure in den Vordergrund stellt. Beide Konzepte können auch als Teil desselben Prozesses gesehen werden, wobei Partizipation oft die Grundlage für eine anschliessende Kollaboration schafft.
Und so wird Kollaboration zum Schlüsselbegriff, wenn es um zukunftsorientierte Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens geht. Unter Kollaboration versteht man in der Regel eine gleichberechtigte, zielgerichtete und intensive Zusammenarbeit mehrerer Personen, welche insbesondere in Arbeitsstrukturen zum Ausdruck kommt. Zentral für Kollaboration ist Gemeinsamkeit. Es findet keine strikte Arbeitsteilung statt, sondern das Team kommt durch gemeinsames Denken, Entscheiden und Gestalten zu seinem Ziel.
Im schulischen Kontext bedeutet Kollaboration, dass Lernende und Lehrpersonen gemeinsam am Lernprozess arbeiten. Das heisst, die Schülerinnen und Schüler empfangen nicht nur Wissen, sondern gestalten den Lernprozess aktiv mit. Auch Lehrpersonen kollaborieren miteinander. So zum Beispiel bei der Unterrichtsplanung oder bei der Entwicklung gemeinsamer Lernarrangements. Oder wie anhand des Beispiels der Primarschule Staffeln, durch die Aufteilung der Klassen in Cluster.

Kollaboration und das 4-K-Modell
Das 4-K-Modell rückt vier Kompetenzen in den Fokus: Kreativität, kritisches Denken, Kollaboration, und Kommunikation. Auch bekannt unter dem Namen der «21st Century Skills» werden diese Kompetenzen in der heutigen Zeit immer zentraler, da das 21. Jahrhundert geprägt ist von einer Vielzahl globaler sowie regionaler Herausforderungen. Faktoren wie Unbeständigkeit, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit prägen die aktuelle Zeit, deren Bewältigung bedingt die Förderung entsprechender Kompetenzen. Die 4 Ks werden in dieser Hinsicht in ihren Möglichkeiten breit diskutiert.
In unserer Reihe zum 4-K-Modell beleuchten wir in jeder Ausgabe eine der vier Kompetenzen. In der nächsten Ausgabe lesen Sie mehr zum Thema «Kommunikation».
Wie eine Schlange zur Wegbereiterin wurde
Die Schulglocke läutet zur nächsten Lektion. Aufgeregt wuseln die Schülerinnen und Schüler zurück in ihre Klassenzimmer. Eine kleinere Gruppe läuft aufgeregt tuschelnd in das «Projekt Club»-Zimmer, in dem sich ein nicht ganz gewöhnliches Haustier findet: Eine Königspython. Sie scheint sich in dem von den Lernenden gebauten Terrarium wohlzufühlen.
Das Projekt wurde von Lehrer Travis Oehri initiiert – inspiriert von seiner persönlichen Leidenschaft für Reptilien. In Untergruppen erarbeiteten die Schülerinnen und Schüler Materiallisten, Budgetberechnungen, Baupläne sowie Pflegekonzepte. Die aktuell verantwortliche Gruppe präsentiert stolz den Fütterungs- und Reinigungsplan, die Umgangsregeln mit dem Tier sowie eine Besuchsliste. «Jede und jeder hat eine klar definierte Rolle und nimmt diese mit spürbarer Verantwortung wahr», erklärt Oehri.
Projektunterricht wird an der Primarschule Staffeln grossgeschrieben. «Es ist eine Haltungsfrage. Einen grossen Stellenwert hat bei uns Individualität, welche in Projekten zum Ausdruck kommen kann. Denn in der Leidenschaft liegt am meisten Kraft», so Christof Bünter. Projektunterricht findet innerhalb der Cluster und während der regulären Unterrichtszeit statt. Die Lernenden bewerben sich auf ein ausgeschriebenes Projekt und arbeiten parallel zum Regelunterricht in einer Kleingruppe. Der Schulleiter erklärt: «Die verpassten Lektionen müssen nicht nachgeholt werden. Vielmehr soll dadurch den Bedürfnissen der Kinder entgegengekommen werden.» Auf die Frage, ob sie als Schülerin den verpassten Unterricht als Nachteil empfinde, antwortet Mia: «Ich lerne nicht weniger, einfach anders.» Sie war Teil der Projektgruppe «4K-Terrarium» und für die Konstruktion sowie den Bau des Terrariums verantwortlich.
Chancen und Herausforderungen aus dem Schulalltag
Partizipation und Kollaboration werden an der Schule gefördert, bleibt allerdings immer freiwillig – ein Prinzip, das Bünter bewusst schützt. Neben dem vielseitigen Angebot von Clubs und Projekten bildet den grössten Teil des Schulalltags der normale Regelunterricht – mit all seinen Herausforderungen. Und genau dort zeigt sich, wie gewinnbringend es ist, Partizipation und Kollaboration nachhaltig zu verankern.
Ein zentrales Thema ist zum Beispiel die individuelle Förderung unterschiedlicher Lernniveaus. «Mit dem Standort der Schule in einem multikulturellen und -lingualen Quartier ist die Sprachförderung durch DaZ-Unterricht sehr präsent. Auch hier arbeiten die Schülerinnen und Schüler in klassenübergreifenden Gruppen innerhalb ihres Clusters.» Der Austausch im Cluster sei schnell und niederschwellig. Die Förderung könne dadurch sehr gezielt und intensiv erfolgen, erklärt Bünter. Hier zeigt sich, dass Kollaboration nicht nur ein pädagogisches Konzept, sondern auch ein pragmatisches Werkzeug ist: Schülerinnen und Schüler arbeiten klassenübergreifend in ihren Clustern zusammen, unterstützen sich gegenseitig sprachlich und fachlich – und entwickeln dadurch soziale und kommunikative Kompetenzen, die über den Unterricht hinauswirken.
Doch wie werden diese Kompetenzen gemessen? Der Fokus liegt an der Schule Staffeln stärker auf dem «Beurteilen» als auf dem «Bewerten». «Wir sind eine Schule ohne Ziffernnoten während des Semesters», so Bünter. «Die Leistungen werden im Lehrpersonen-Team aufgrund von Beobachtungen am Ende des Schuljahres beurteilt, mit den Lernenden besprochen und erst fürs Zeugnis in Noten zusammengefasst. Diese Vorgehensweise funktioniert für uns sehr gut – der Leistungsdruck fällt von den Lernenden ab und ihre intrinsische Motivation steigt.» Bünter ist überzeugt, dass die Eltern dadurch ein differenzierteres Bild des Lernfortschritts ihrer Kinder erhalten. Die formativen Beurteilungen dienen dabei nicht nur der Leistungsdokumentation, sondern auch der Bedarfsermittlung für die weitere Förderung.

Kollaboration als Arbeitsgrundlage der Lehrpersonen
Auch der Beruf der Lehrperson ist in ständigem Wandel. «Es gilt, eine gute Balance zwischen der Entwicklung neuer Projekte und dem Vorteil von bereits durchgeführten Sequenzen zu finden.», sagt Christof Bünter. Die Arbeit im Team würde zwar viel erleichtern, allerdings müsse diese auch geübt werden. Denn die Offenheit der Schulstruktur verlangt von Lehrpersonen ein hohes Mass an Selbstorganisation und Teamfähigkeit. Der Co-Schulleiter erklärt: «In einem neuen Team können die Prozesse, die notwendig sind, um auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, sehr aufwendig sein. Durch Erfahrung und Stabilität ist jedoch vieles wieder gewonnen.»
Schulleitungsmitglied Fabiano Bieri fasst zusammen: «Wir schonen Ressourcen, indem wir die Stärken und Interessen der Lehrpersonen gezielt einsetzen.» Kollaboration ist somit in der Schule Staffeln nicht nur Lernprinzip der Kinder, sondern auch Arbeitsgrundlage der Erwachsenen – ein verbindendes Element, das Partizipation, Förderung, Beurteilung und Teamarbeit zu einem kohärenten Gesamtsystem verbindet.
Die Schulleitung der Primarschule Staffeln unterstützt und fördert Lehrpersonen dabei in ihrer Umsetzung von partizipativen und kollaborativen Unterrichtsformen. «Es ist eine Kulturfrage», sagt Christof Bünter, «doch auch ganz normaler Unterricht funktioniert.» Fabiano Bieri ergänzt: «Wir erhalten viele positive Rückmeldungen aus dem schulischen Umfeld, welche unser Konzept stärken.»
Für die Schule Staffeln steht schon bald ein weiteres Entwicklungsvorhaben an, welches «Betreuung» und «Unterricht» enger zusammenrücken lassen wird. Ab 2027 erfolgt die Einführung einer Tagesschule. Doch in näherer Zukunft wird der Clusterrat zunächst noch seine Finanzkompetenz wahrnehmen und über das verbleibende Budget für die Schulgemeinschaft entscheiden. Dazu braucht es noch weitere Abklärungen: Zum jetzigen Zeitpunkt stehen ein gemeinsamer Kinobesuch oder gemeinsames Pizzabacken zur Auswahl.







