Schulwege sind Lebenswege

Text: Melanie Gamma

Ich gebe es zu. Manchmal begleite ich ­meine Töchter auf dem Schulweg. Meist nur bis zum Zebrastreifen an der Hauptstrasse. Ab und zu spaziere ich bis zum Schulhaus mit und geniesse die Plaudereien mit den Gspänli, die unterwegs dazu­zustossen. 

An jenem Morgen geht es auf dem Schulhausplatz zu und her wie bei einem ­Formel-1-Boxenstopp. Autos brausen heran, Tür auf, Kind raus. Jemand schreit ­etwas hinterher. Bei Regen parken Fahrzeuge mit laufendem Motor den Gehsteig zu. Schüler:innen warten im Auto im «Schärme», bis die Glocke ertönt. Die «Wetterfesten» in den Gummistiefeln müssen vom Trottoir auf die Strasse ausweichen, um zum Kindergarten-Eingang zu gelangen.

Elterntaxis sorgen vielerorts für Ärger – und niemand findet eine Lösung, sie zu stoppen. In unserem Dorf hängen Plakate. «Coole Kinder gehen zu Fuss». Elterntaxis sind mehr als «uncool». Sie nehmen den Schüler:innen viel. Etwa die Chance, zu üben, Verantwortung zu übernehmen – für sich und für andere. 

Neulich stand meine Tochter mit einer Mitschülerin vor unserer Tür. Diese legt ihren eher langen Schulweg mit dem Trottinett zurück. Nun wurde es aus dem Schulhaus-Veloständer geklaut. Wir riefen die Mama der Bestohlenen an, um ihre Verspätung anzukündigen; weil sie heim­spazieren musste, statt «heim­zurasen». 

Mit Verspätung trudeln unsere Mädels regel­mässig ein. Wie zuletzt, als ein Gewitter aufzog. Donner grollte. Endlich erblickte ich die zwei durchs Küchenfenster. Pudelnass öffneten sie das Gartentor, ­klingelten. Sofort sprudelte es aus ihnen heraus: «Wir haben mit Mila zusammen noch Tina heimbegleitet, sie hatte Angst im Gewitter. War ein Umweg, aber sie war froh, dass sie nicht allein war, und wir auch.»
Genau das zeigt: Der Schulweg ist mehr als die Distanz zwischen Haustür und ­Klassenzimmer. Er ist «Lebensweg». Kinder trainieren Selbstständigkeit, tanken Selbstvertrauen, entwickeln ein Gefahren­bewusstsein. Unterwegs bilden sich «Teams», in denen man lernt, das eigene Tempo dem von anderen anzupassen, oder mutig voranzugehen und aufeinander achtzugeben. 

Sollte es ausnahmsweise ein Elterntaxi brauchen, weil jemand aus einer Nachtschicht kommt oder die Kinder auf dem Arbeitsweg «abladen» muss, hier ein Tipp: Halten Sie mit Ihrem Auto nicht direkt vor der Schule, sondern im Quartier. Wer weiss, vielleicht findet ihr Kind auf den paar Metern ohne Sie einen schönen Stein – oder einen neuen Freund?

Bitte fragt weiterhin viel

Text: Melanie Gamma

Gedankenversunken streue ich meiner Tochter (10) am Zmorge-Tisch Haferflöckli in die Müeslischüssel. Sie scheint bedeutend wacher zu sein als ich und fragt: «Mama, wer hat entschieden, dass der Montag der erste Tag der Woche ist?» Fast wäre ein genervtes, müdes «keine Ahnung» über meine Lippen gehuscht. Knapp schwenke ich auf freundlich um: «Ich weiss es nicht, aber ich lese es nach und erkläre es dir am Mittag.» 

Später, als ich im Outlook-Kalender einen Termin für kommenden Montag eintrage, holt mich die zum Frühstück servierte ­Frage ein. Ich google und lese die Entwicklung von Wochentag-Abfolgen nach. Und lerne, dass wir erst seit 50 Jahren mit dem Montag in die Woche starten und was das mit Religion und Normen zu tun hat. Um rasch eine kindgerechte Kurzversion zu texten, hilft mir ChatGPT. Seine Antwort muss ich zwar korrigieren, aber nun bin ich bereit fürs Zmittag. Denn unsere Tochter vergisst nie eine Frage. 

Jenes beharrliche Warum und Wieso ist ungemein wertvoll. Ich wünsche mir, alle Kinder dürften zu offenen, selbstdenkenden Menschen heranwachsen. Zu Persönlichkeiten, die nachfragen, wenn sie etwas nicht verstehen, die kundtun, wenn sie anderer Meinung sind. Ich will, dass sie den Wert des Abklärens und Prüfens erkennen, ChatGPT und Co. nicht blind vertrauen und nicht einfach etwas behaupten. 

Umso wichtiger scheint mir, dass auch wir Eltern zugeben können, wenn wir etwas nicht wissen – selbst wenn es etwas «­Banales» ist. Wie das, was unsere andere Tochter (8) bewegt: «Wie macht eine ­Giraffe?» Um die Antwort zu finden, ­klicken wir uns durch Youtube-Videos, amüsieren uns über Schnauflaute, Quietsch-­Töne und bäriges Brummen. Einiges tönt für uns unecht. Also lesen wir Beschreibungen von Giraffengeräuschen nach. Die gemeinsame Recherche ist eine gute ­Möglichkeit, aufzuzeigen: Bleibt kritisch, wenn ihr über Dinge nachforscht. 

Kritisches Denken wird in der Schule ­trainiert, beginnt aber schon im Alltag. Manchmal bereits am Zmorge-Tisch. Wer fragt, denkt, und wer denkt, kann etwas verändern und (sich) entwickeln. Deshalb bemühe ich mich, die Fragerei nicht nur auszuhalten, sondern gar zu fördern. ­Damit unsere Kinder ihre Neugier nie verlernen und sowohl kritische, wie auch simple ­Fragen stellen. Jederzeit. Wenn es sein muss bereits um 6.25 Uhr.

Kreativ ist zu selten «normal»

Text: Melanie Gamma

«Die integrative Schule ist gescheitert.» Dieser Satz in Medienberichten erschütterte mich letzten Sommer. Das wunderbarste Gegenargument sitzt meist mit mir am Mittagstisch: unsere ältere Tochter. «Mami, es war cool im Wald. Wir bauten mit Baumstämmen einen Parcours. Mina half mir beim Balancieren. Ich ‹grübelte› ihr dafür einen Wurm aus der Erde und legte ihn in den Lupenbecher, damit wir ihn untersuchen konnten. Mina fand das ‹grusig›, ich nicht.» 

Unsere 4.-Klässlerin zeigt, wie Inklusion funktioniert. Sie lebt mit Trisomie 21, dem Down-Syndrom. Während ihre Gspänli dicke Bücher lesen und Geschichten schreiben, entziffert sie kurze Wörter. Statt bis 10 000 rechnet sie bis 10. Um sie in der Regelklasse zu fördern, braucht es die Unterstützung einer Heilpädagogin oder der Klassenassistenz und oft einen abgeänderten Auftrag. Oder, passend zum Thema dieses Magazins, kreative Ansätze.

Ein Beispiel? Feinmotorisch «hindedrii», benötigte unsere Tochter in den ersten zwei Schuljahren Support, um den Reissverschluss ­ihrer Jacke zu schliessen, die Treppe zum Pausenplatz oder auf dem Spielplatz das Kletter­gerüst zu bewältigen. So organisierte die Schule für unser Mädchen «Pausenkinder», ältere Schüler:innen, die sie ­abwechselnd begleiteten. Noch heute grüssen jene jetzigen Teenies unsere Tochter, wenn wir sie im Dorf kreuzen. Teilhabe – über den Schulhof hinaus; so geht das. Wie wertvoll ist es doch, dass auch Kids, die der «Norm» entsprechen, von einer inklusiven Schule profitieren – etwa, weil sie lernen, Verantwortung zu übernehmen.

Zurück zu unserer Zehnjährigen. Mit derselben Begeisterung wie von Baumstämmen und Würmern berichtet sie, mit wem sie ihr Znüni geteilt hat oder wie sie für ein Experiment bunte Flüssigkeiten hin- und her goss. Ihr Strahlen treibt mich an, gegen Budgetkürzungen im Bildungsbereich zu kämpfen. Denn damit die inklusive Schule nicht scheitert, ­müssen wir unser Schulsystem und die ­pädagogischen Fachpersonen stärken. 

Kreatives Denken in der Schule heisst für mich mehr, als Lehrmittel oder Bastelideen zu kreieren. Innovative Lernorte sind jene mit mutigen Schulleitungen und Pädagog:innen. Wo alle Kinder einen Platz finden. Ich hoffe, irgendwann sind inklusive Schulen unumstritten und normal. Wobei, was ist schon «normal»?